6. Juni 2020

 

Auf ein Bier mit Horst

Austritt aus den Männern

 

Was soll ich denn machen?

Dieter sitzt vor einem Bier an meinem Küchentisch. Vor uns liegt die Zeitung mit der schrecklichen Meldung „Schwerer Mißbrauchsfall in Münster – Unfassbare Bilder“.

Aus der Kirche bin ich doch schon ausgetreten, längst bevor die krassen Mißbrauchsvorwürfe die Menschen erschütterten. Die Menschen wohlgemerkt, nicht die Kirche, die tut sich nach wie vor schwer, angemessen mit den Vorwürfen umzugehen.

Jetzt das. Lügde, Bergisch-Gladbach und Münster. Normale Männer, die schweren Kindesmißbrauch begehen. Über Jahre, zur eigenen Befriedigung und um damit Geld zu verdienen. Das bei diesen Aktionen hergestellte Kinderpornografische Material wird über das Dark Net verbreitet und bedient eine anscheinend riesengroße Menge an Männern, die sich auf sowas einen runterholen.

Ich weiß nicht was ich sagen soll. Mich erschüttert das auch. Tatsächlich beschäftigt mich die Frage, ob in nahezu jedem Mann solche Gelüste angelegt sind. Manche sich im Griff haben, aber manche auch nicht.
Mein selbstgemachter Holundersekt scheint mir  nicht weiter passend zu dem Anlass, ich trinke jetzt kräftigen Chardonnay aus Südtirol. Dieters leere Bierflasche habe ich durch eine volle ersetzt, Horst habe ich neben den Teller mit Wasser eine Knabberstange gelegt, die ich beim letzten Einkauf erstanden habe, da ich ihm mehr als nur Wasser anbieten mag.

Ich kann aber doch nicht aus der Männerliga aussteigen. Aufhören zu den Männern zu gehören. Was hätte ich für Alternativen? Egal, welche sexuelle Orientierung ich wähle, mein biologisches Geschlecht bleibt davon unberührt. Und umoperieren zur einer Frau? Was hätte ich gewonnen? Da gibts andere Schattenseiten. Ganz abgesehen davon, ich stehe auf Frauen, da ändert sich nix mehr. Horst, was hast du denn da gefunden? Gib‘ das sofort her. Frau Nachbarin, ich glaube, Horst hat was angeknabbert.

Ich finde es rührend, welche Gedanken Dieter sich macht. Er ist nicht die Sorte Mann, weswegen ich mir Sorgen mache. Zum Glück begegne ich täglich Männern, die mir deutlich machen, dass die Täter in der Minderheit sind. Aber wenn über sie berichtet wird, breitet sich das Thema so massiv in meinen Gedanken aus, dass ich für einen Moment nur noch das sehen und denken kann. Ähnlich beim Einkauf, wo ich, umgeben von Maskentragenden Mitmenschen, permanent an Corona denke, obwohl es mehr Menschen gibt die nicht darn erkrankt sind, als andersherum

Dieter, Horst ist der liebste Hund der Welt. Ich habe ihm heute zu seinem Wasser etwas zu knabbern gereicht. Er ist immer so brav. Aber ich hätte Sie natürlich fragen müssen.

Mir wird heiß und ich werde leicht rot.

Entschuldigen Sie. Darf er es denn haben?

Ich bin schon an dem Mülleimer und studiere auf der weggeworfenen Packung die Inhaltsstoffe.  Die Stange besteht nur aus getrockneter Pferdekopfhaut.

Alles nur Pferd. Ist das in Ordnung?

Dieter zuckt mit den Schultern.

Horst scheint’s zu schmecken. Nicht? sagt er und tätschelt seinem Hund den Kopf.

Man weiß ja heutzutage bei garnichts mehr, ob das noch in Ordnung ist. Wir treten in ein neues Zeitalter ein. Darf ich Filme von Woody Alllen noch gut finden? Muss man wirklich Grimms Märchen kindgerecht umschreiben und wird beim bösen Friederich im  Struwelpeter der häuslichen Gewalt zu wenig entgegengesetzt?
Weiß ich, ob das Pferd gut behandelt wurde, auf dessen Haut Horst gerade rumkaut?

Aber das mit den pädophilen Männern, da weiß ich, dass das nicht in Ordnung ist. was kann man nur tun?

Gucken Sie mal hier, was auch in der Zeitung steht. Heute ist eine Demo gegen Rassismus. Angemeldet von einer Privatperson. es werden etwa 500 Teilnehmer erwartet.
Wir gehen da hin und hören uns um, wie das geht, eine Demo anmelden. Und dann machen wir auch eine Demonstration gegen sexuellen Missbrauch .

Dieter schaut mich zweifelnd an.

Vielleicht besser als fassungslos hier rumzusitzen. Dürfen Hunde mit auf Demos? Das ist für mich und Horst das erste Mal.

Ich zucke mit den Schultern. Ich bin auch kein Profi. Wir trinken aus und machen uns auf den Weg.

 

 

Tandem # Schmuckstück der Melusine

 

 

 

Schmuckstück der Melusine

[für Antje gefischt]

Meeresgrüne Perlen

in Metallgitter geknüpft

Seemannsgarn fürs Handgelenk

verfangen

ertrinken

prustend wieder auftauchen

nach dem Bad in der Krummen Lanke

löst du das Schilfrohr

aus der durchscheinenden Häkelstruktur

und schreibst

 

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ABGESCHOSSEN
Der innere Schweinehund frisst alles.
So flugs, noch ehe es vor
Die Sau gefallen.

 

Neuerscheinung

In der Alltags Kakophonie abheben soll sie
Die Edle
Bausteinweise
Diese Gestalt jene Netzhäute streifen
Streicheln umschmeicheln
Form und Strukturamazone im bitteren Reich der
Wahl und Bewustlosigkeit als
Perle für die Wesentliche
Die haushoch darüber blickt weil
Weder Panzer noch Ketten
Hemd geschützt durch Lässigkeit im Lockstoff
Gewebe der Kassandra
So sei umärmelt zeit und schwerelos mit Kraft
Beflügelt vom Dunkel und Lichten
In jeder Pore Deines Seins

Tageblog 1. Oktober 2019

1. Oktober 2018 – Der Internationale Gerichtshof in Den Haag weist Boliviens
Forderung nach einem eigenen Zugang zum Meer durch chilenisches Gebiet zurück und beendet damit einen über 100 Jahre währenden Grenzstreit zwischen den beiden südamerikanischen Ländern.

 

Grenzfall       

Ich lasse mir in der Bibliothek den Atlas vorlegen und schlage das Inhaltsverzeichnis auf. Diesmal suche ich Südamerika. Ich blättere auf Seite 92 und betrachte die Karte mit dem lateinamerikanischen Kontinent. Ich kann mich nur schwer entscheiden. Die Farben gefallen mir alle gut. Ich schwanke zwischen dem Lila Perus und dem Hellblau von Paraguay. Dazwischen liegt in rosa: Bolivien. Ich frage nach einem Blatt Papier und einem Bleistift und  ziehe die Landesgrenzen aller drei Länder nach. Die Farben denke ich mir dazu und trage alles innerhalb der Umrisslinien ein, was mir zu Farbe, Form und Name einfällt.
Peru. Lila, kalt, Berge, Azteken, Folklore, Wasser, blau, bunt, braune Menschen, schwarze Haare, Maya, dünne Luft.
Tina – ist das nicht prima
Was für ein Klima;
Haben wir hier schlechtes Klima
Fahren wir sofort nach Lima.
Paraguay. Hellblau, Uruguay, Fußball, Asunción, Roque Santa Cruz, para ara.
Bolivien. Rosa, in der Mitte La Paz eingeschlossen, oliv.
In der Tageszeitung entdecke ich Nachrichten aus den drei Ländern:
Schwangere Zehnjährige in Paraguay – in Paraguay soll ein Mann seine zehnjährige Stieftochter vergewaltigt haben. Eine Abtreibung wird ihr in dem streng konservativen Land aber verboten.
Bolivien will zurück ans Meer – seit 136 Jahren trauert Bolivien um seine Pazifikküste. 1879 verlor Bolivien im Krieg gegen Chile 120.000m2 Land und den Zugang zum Meer. Zum wiederholten Male geht Bolivien vor Gericht. Der Gerichtshof in Den Haag soll nun klären, ob Chile wieder Land abgeben muss.
Soldaten sollen Gewalt bei Minen-Protesten stoppen – die peruanische Regierung hat Soldaten in ein Tal an der Südküste des Landes geschickt, in dem Proteste gegen eine geplante Kupfermine in Gewalt umgeschlagen sind.
Bolivien ist mein Favorit. Rosa und keine beängstigende Schlagzeile. Das Land ist mit seiner Identität beschäftigt. Es versucht, ein Trauma zu verarbeiten. Vielleicht würde es ihm sogar gelingen, die alten Zustände wieder herzustellen und einen Zugang zum Meer zu erhalten. Eingehend betrachte ich die Landkarte. Ich fahre mit dem Finger die Grenze entlang. Dabei bleibt mein Finger nicht immer auf der Grenze, sondern rutscht ab und zu in das Landesinnere. Die rosa Farbe wird von meiner Haut aufgenommen. Erst ist es nur der rechte Zeigefinger, dann die anderen Finger, die Handfläche, der Arm. Sowohl mein Körper als auch meine Kleidung haben die Farbe von Bolivien angenommen. Ich versuche mit meinem Körper das Land abzubilden. Ich lege mich auf den Boden in der Form von Bolivien. Dabei spüre ich, wie gut es tun würde, wenn der Zugang zum Meer wieder gegeben wäre. Ich atme tief durch und schiebe mein Bein über die chilenische Grenze zum Pazifik.

 

Enttäuscht nehme ich mein Bein wieder zurück. Ich stehe auf und gehe duschen. Mit dem rosa Wasser im Abfluss entschwindet auch meine Hoffnung auf Meerblick in Bolivien.

 

 

Tandem # Seidenbluse

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Eine Seidenbluse

kam in mein Leben. Mitgebracht von einem Einkaufsbummel
nicht beabsichtigt, aber zufällig entdeckt
Liebe auf den ersten Blick, bei der Käuferin
zuhause schenkt sie mir ihren Schatz

ich lege den Kopf schief
für mich? Ich weiß nicht
die Farben
nach meiner Farbberatung weiß ich, dass diese Farben mich ungünstig erscheinen lassen
natürlich ziehe ich die Bluse über
und sie mich in ihren Bann
Seide
es sind viele Farben
auch Nuancen von meiner Farbpalette sind dabei
ich betrachte mich eingehend
im Spiegel
die Käuferin nickt anerkennend
sie bemerkt mein Zögern

halt
ich will nicht hergeben, was mir schon halb gehört
schiebe meine Bedenken beiseite
erfreue mich an der Schönheit
des Stoffes, des Schnittes, der Machart
durchgewaschen landet das Schmuckstück
auf einem Kleiderbügel in meinem Schrank
wenn es nicht gefällt, dann nimmt sie ihre Beute auch gerne wieder an sich

doch oh Schreck
als ich es ausführen möchte
mich erneut im Spiegel betrachte
sehe ich
es gereicht mir nicht zur Zier
und darum schenke ich es ihr
zurück.

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KW 25

Future

Wenn man Fridays for Future ernst nimmt
kann man sich keine Ferienwohnung auf Mallorca nehmen

Wenn man Fridays for Future ernst nimmt
dann kann man sein Kind nicht für work und travel nach Neuseeland schicken

Wenn man Fridays for Future ernst nimmt
dann muss man tatsächlich auch in Verzicht üben

KW 24

warte bitte

nur diesen moment den ich brauche
um mich zu verabschieden
von deinen linien die ich nachfuhr
um sie später auf papier zu bannen was misslang

nur diese ewigkeit die ich brauche
um zu begreifen
von den rissen in unseren seelen
für die meine künste nicht ausreichten um sie zu flicken