Tageblog 10. August 2016

10. August 1991 die erste deutsche Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Arktis wird auf Spitzbergen eingeweiht

 

Lieber Martin,

du hast mich gefragt wie es mir geht. Nun ja, heute kommt meine Ablösung an. Ich muss Abschied nehmen. Ich hoffe das Zimmer gefällt ihm. Es gibt nicht viel Platz, aber man gewöhnt sich eigentlich schnell daran. Es ist einfach und karg. Wie draußen. Nicht so abwechslungsreich, aber die Luft ist klar. Danach bin ich süchtig, wenn ich wieder in der Zivilisation bin, nach der Luft. Wenn ich so zurückdenke wie alles anfing vor 25 Jahren. Ich dachte das hier ist unberührte Natur. Niemals wird der Klimawandel sich hier bemerkbar machen. In der Arktis. In meiner ersten Zeit bin ich mit meinen Kollegen noch Rennen gefahren mit dem Scooter auf einem Gletscher. Geil Mann. Ich habe immer gewonnen, ich war schon zuhause der Schnellste auf der Rodelbahn. Ein paar Jahre später war der Gletscher verschwunden. Jetzt fahren wir dort mit dem Schiff lang. Außerdem fror in meiner Anfangszeit der Fjord in den Wintermonaten immer zu, die letzten Jahre ist das nicht mehr passiert. Die wirklich kalten Tage werden auch immer weniger. Von Januar bis März stieg das Thermometer nicht wärmer als -30°, heutzutage ist eigentlich nur der Februar so kalt. In meinen Geburtstagsmonat, wenn ich dann hier bin gibt es ganz viel Grog mit Handgeschlagenen Eiswürfeln, eine Spezialität von mir. Unter den wärmeren Wintermonaten leiden vor allem die Rentiere. Es regnet dann nämlich und so legt sich eine gefrorenen Eisschicht auf den Schneeboden. Die Rentiere, die gewohnt sind, den Schnee einfach bei Seite zu schieben um den gefrorenen Boden aufzukratzen um Moos und Gras freizulegen, finden nichts zu Fressen und drohen zu verhungern. Wir haben schon ein paar Futterplätze eingerichtet. Ein bißchen aufpassen müssen wir auch auf die Nonnengans. Sie brütet hier und zieht ihre Jungen auf, was besonders den Polarfuchs anlockt. Ich habe unzählige Fotos gemacht, von denen ich dir ein paar zeige. Die Polarfüchse beobachte ich nämlich wann immer ich kann. Es gibt Weißfüchse und Blaufüchse. Im Sommer haben sie alle ein mehr oder weniger braunes Fell, im Winter dagegen sind die Weißen weiß und die Blauen haben ein blaustichiges Fell. Durch die Erderwärmung kommt sogar der Rotfuchs hin und wieder in ihre Gefilde und jagt die Polarfüchse. Verrückte Welt. Ja, die Polarfüchse werde ich wohl auch vermissen, genau wie die Luft.
So, jetzt höre ich auf. Alles andere erzähle ich dir wenn wir uns sehen. Holst du mich vom Zug ab? Ich habe nicht viel Gepäck, aber Hunger werde ich haben. Lass‘ uns doch direkt zum See rausfahren, da kann man so schön den Polarstern schauen .

Herzliche Grüße,
dein Achim

P.S. was ich dir unbedingt erzählen muss, ist von dem vielen Müll, den wir auf dem Meeresboden entdecken. Ich hoffe du benutzt keine Plastiktüten mehr. Die sind nämlich irgendwann alle im Meer.