Tageblog 11. August 2016

11. August 2005  die Polizei nimmt auf Sardinien einen Postboten fest, der seit fünf Monaten keine Post mehr ausgetragen hat. Sie findet in seiner Wohnung rund 300 Einschreiben und „mehrere Kubikmeter“ Briefe und Postkarten.

 

 

Briefgeheimnis

Es klingelt. Sie sind da.
Antonio schaut hoch. Sie können im vieles vorwerfen, aber nicht Unordnung. Er hat ein Ordnungssystem entworfen, lediglich die Begrenztheit seiner Wohnung lässt es dennoch für fremde Augen chaotisch aussehen. Er hat Briefe von Postkarten getrennt und Päckchen sind eine ganz eigene Kategorie. Die sind ihm ein wenig unheimlich, es könnte sich Verderbliches darin befinden. Er hat nicht eins von ihnen geöffnet, sie sind im Flur in der Nähe der Tür gelagert. Sollte es doch mal anfangen zu riechen, könnte er es direkt mit nach unten zur Mülltonne nehmen. Und sein Lebensraum bliebe weitgehend unkontaminiert. Die Postkarten hat er, wie er sich vorstellt wie es die eigentlichen Empfänger gemacht hätten, an die Wand gepinnt. Besonders Schöne hat er an ausgesuchten Stellen platziert. Das Spargelbündel von Edouard Manet hängt am Herd, genauso wie die Pelztasse von Meret Oppenheim. Die klassischen Motive wie Eiffelturm, Big Ben, Freiheitsstatue etc. und unzählige Strandaufnahmen zieren die Wohnzimmerwand.
Es klingelt wieder. Mehrmals. Er hört Stimmen.
Die Briefe sind überall in der Wohnung verteilt. Nochmals unterteilt nach ihrem Inhalt. Die Rechnungen und Reklamebriefe stapeln sich unter dem Esstisch. Briefe mit Karten zu Anlässen wie Geburtstage, Todesfälle oder auch zu bestandenen Prüfungen und Schulnoten liegen auf dem Esstisch. Das z.T. beiliegende Geld hat er herausgenommen und ebenfalls auf dem Tisch abgelegt. Davon hat er sich versorgt.
Es rüttelt an der Tür und zu heftigem Läuten gesellt sich noch der Sound von trommelnden Fäusten und tretenden Füßen. Sie rufen seinen Namen.
Er steht auf und geht in das Schlafzimmer. Hier sind die Liebesbriefe untergebracht. Die romantischsten direkt an seinem Kopfende. Er nimmt den offenen Brief vom Nachttisch und liest Geliebter Sergio, ohne dich ist jeder Schritt Schmerz. Wie lange muss ich noch warten? Ich habe schon alle Möglichkeiten der Ablenkung ausgeschöpft. Jetzt bleibt nur noch das Warten selbst. Überall auf den Ablagen stehen Blumen, die einen betörenden Duft ausströmen, alle Fenster sind geöffnet, täglich lauere ich dem Postboten auf. Ich will aber keine Post mehr von dir. Ich will dich.
Es kracht an der Haustür. Als hätte jemand versucht sie gewaltsam zu öffnen.
Antonio nimmt den Brief und geht zum geöffneten Fenster. Sein Blick gleitet über die vielen Blumen zwischen den Briefstapeln. Er nimmt einen letzten tiefen Zug des Blütenduftes. Er klettert auf die Fensterbank. Und springt.

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