Tageblog 6. September 2016

6. September  Abfraßtag (Magnus-Tag)

 

Sternstunde

Der erste Morgen alleine. Seit 9 Jahren. Joshua und ich haben uns getrennt. Ich liege nackt auf meinem Bett. Durch das geöffnete Fenster strömt kühle Morgenluft. Es regnet. Ich atme schwer. Ich spüre in mich hinein. Nichts. Ich fühle gar nichts. Ich drehe mich auf den Bauch, der Druck auf Busen und Bauch tut gut. Ich drehe mich wieder zurück auf den Rücken und schliesse die Augen. Wie anders sich alles anfühlt, am Ende einer Beziehung. Frisch verliebt haben wir uns aufgegessen, konnten nicht genug haben von einander. Von der  Haut des Anderen, seinem Fleisch, seinem Geruch. Obwohl wir uns verschlungen haben, fühlten wir uns in unseren Körpern ganz und präsent. Manchmal schienen sie eine enorme Ausdehnung zu haben, obwohl vor dem Spiegel betrachtet nichts auffällig war. Jetzt dagegen spüre ich fast nichts mehr. Da wo meine Vagina war, ist nur ein großes Loch. Bis tief in meinen Bauch hinein. Der Busen angeknabbert, weggeknetet, aufgesaugt. Mein gesamter Körper ein einziger Abfraß. Ich taste zwischen meine Beine und meine Hand fällt in eine Höhle. Schnell ziehe ich sie zurück und lege sie auf den Busen. Erschrocken kann die Hand gar keine kleinen Hügel streicheln, vielmehr liegt sie in einer Kuhle. Behutsam fährt sie den gesamten Körper ab. Viel ist nicht mehr von ihm geblieben, nur die Haut spannt sich und hält den Rest zusammen. Ob das nachwächst? Wie regeneriert sich ein Busen, wie eine Muschi? Ich kann vielleicht zum Seestern mutieren. Sie können verloren gegangene Teile ihres Körpers neu formen. Außerdem sehen sie schön aus und die Befruchtung findet extern im freien Meerwasser statt. Ich konzentriere mich und versuche mit der tiefen Atmung, die ich beim Yoga gelernt habe, in meinen Körper hineinzugelangen. Ganz allmählich formen sich fünf gleich große Zacken. Meine Arme, die Beine und der Kopf verschwinden und wandern nach innen zur Sternenmitte. Mit einem enorm tiefen Atemzug strecken sich die Sternenarme bis in die Spitzen. Ich atme geräuschvoll aus und die Sternenform ist vollbracht. Das Wasser im Zimmer steigt unaufhörlich. Ich fiebere dem Moment entgegen, in dem es mich erreicht und mich mit sich fortträgt.