Tageblog 10. September 2016

10. September 2008 Frau kauft auf Flohmarkt „aus Versehen“ Bild von Renoir, weil ihr der Rahmen so gut gefiel

Gabi schlendert zwischen den Tischen umher. Wie jeden Sonntag verbringt sie den Vormittag auf einem Flohmarkt. Sie hat sich heute für einen Markt in einem kleinen Dorf in der Eifel entschieden. Traditionell jedes Jahr, anlässlich der Kirmes, holen alle Einwohner ihr Gerümpel aus den Kellern und bieten es an. Da kann man richtig schöne Schnäppchen machen. Aus den Nachbargemeinden nutzen auch viele die Gelegenheit ihren Keller einmal aufzuräumen, sodass die Bürgersteige aller Strassen des Ortes mit Camping- und Tapeziertischen gesäumt sind. Professionelle Händler sind nicht zugelassen, sodass das Angebot wirklich sehr individuell ist und man auch schon einmal etwas geschenkt bekommt, weil es dem Anbieter weniger um’s Geldverdienen geht, als darum, Platz in seinem Zuhause zu schaffen.
Gabi sammelt eigentlich Zuckerdosen. 62 Stück hat sie schon und immer wieder findet sie ein Exemplar, dass sie für unverzichtbar hält. Heute hat es ihr aber ein Bilderrahmen angetan. Ein wunderschöner vergoldeter Rahmen, dessen barocke Formen sich wunderbar geschwungen an den äußeren Kanten aufspielen. Die Ecken sind besonders schön mit Girlanden und Blumenbouquet gestaltet. Sie hat vor einiger Zeit ein Bild auf einem Flohmarkt erstanden, das sie gerne in diesem Rahmen sehen würde. Zwei Putti, die zwischen sich eine überquellende Obstschale halten und mit der freien Hand  ein Stück Obst in den Mund des anderen schieben. Sie fragt nach dem Preis für den Rahmen. Das junge Mädchen zuckt mit der Schulter. Ich weiß nicht. Ist aus dem Keller von der Oma. Die ist letztes Jahr gestorben. Jetzt haben wir das Haus entrümpelt und vermietet. Den Rahmen mit dem Bild will niemand haben. Ist uns zu kitschig. Das Bild hat Gabi noch gar nicht so richtig wahrgenommen. Tatsächlich mutet es etwas süsslich an. Eine Landschaft, mit flüchtigen Pinselstrichen in hellen Farben. Ihr Geschmack ist es auch nicht. Sie bekommt das Bild mit Rahmen für 10 €.
Direkt in der darauffolgenden Woche geht sie in ein Einrahmungsgeschäft, da sich das Bild nicht so leicht vom Rahmen lösen lässt. Als der Mitarbeiter die kleine Leinwand in der Hand hält, und sie Gabi zurückgeben möchte, schüttelt sie den Kopf. Nein, mir geht es lediglich um den Rahmen. Das Bild brauche ich nicht. Sie können es behalten oder in den Müll werfen. Nachdem sie noch ein Spezialputzmittel für Vergoldungen erstanden hat, verlässt Gabi glücklich mit dem Rahmen unter dem Arm, das Geschäft.
Rüdiger kratzt sich am Kopf, als er noch einmal genau die Leinwand studiert. Es gefällt ihm. Das Bild hat Ähnlichkeit mit den Arbeiten von Pierre-August Renoir, einem französischen Impressionisten. Der Rahmen war für das Bild unpassend gewesen. Da es zwar Ruhe ausstrahlte, aber mit bewegten Pinselstrichen gemalt war, verlangte es nach einer ruhigeren Einfassung. Er ging hinüber in die Werkstatt und probierte verschiedene Varianten aus. Als er das Richtige gefunden hat, stellt er das fertig gerahmte Bild auf die Fensterbank und betrachtet es zufrieden. Eine Stunde später schließt er den Laden ab und geht mit seinem „Renoir“ nach Hause. Dort hängt er die Arbeit an die Wand in seinem Schlafzimmer. Dann geht er zu seinem Rechner und logt sich ein. Dann ruft er die Seite lostart.de auf. Und wird fündig. Dieses kleine Gemälde stammt tatsächlich von Renoir und gilt seit 1945 als verschollen. Aus dem Besitz eines jüdischen Geschäftsmannes, der 1938 enteignet wurde, fand das Gemälde seinen Weg zu einem deutschen Sammler, dessen Eigentum durch die Kriegswirren zerschlagen wurde. Die Spur des Bildes verliert sich in den letzten Kriegswochen. Jetzt ist es hier vor seinen Augen wieder aufgetaucht. Es befindet sich in guter Gesellschaft. Ein Gemälde von Max Beckmann und eine Zeichnung von Pablo Picasso haben auf die gleiche Art und Weise den Weg in seine Wohnung genommen. Von seinem Bett aus kann er alle drei betrachten.

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