Tageblog 26. September 2016

26. September 1991 – In Arizona beginnt das Projekt „Biosphäre 2“. Acht Forscher wollen zwei Jahre lang beweisen, dass es möglich ist, in einem der Erde nachgebildeten autarken System zu überleben.

Sweet Potato

Sie waren schon über ein Jahr in dieser künstlichen Welt. Bald war Weihnachten. Polly wünschte sich nichts sehnlicher als einen Weihnachtsbaum mit echten Kerzen und roten Kugeln. Letzes Jahr hatte ihr das Fest noch nicht gefehlt, aber mittlerweile hatten alle ritualisierten Feierlichkeiten in Biosphäre 2 eine große Bedeutung bekommen. Leider hatten sie an Weihnachtsbaumschmuck nicht gedacht. Es gab sowieso von allem nur das Nötigste. An einen Festtagsschmaus war natürlich auch nicht zu denken. Eigentlich war sie dauernd hungrig. Mit der Selbstversorgung klappte es nämlich nicht so richtig. Es gab Pflanzen, die von Schädlingen befallen waren und einzugehen drohten. Außerdem gab es Tiere, die eingingen, und Tierarten die sich überproportional vermehrten. Die Kakerlaken zum Beispiel. Mit ihnen teilte sie mittlerweile alles. Ihr Bad, ihr Bett und auch ihre Mahlzeiten. Sie sich selbst als Essen zuzubereiten, hatte sie noch nicht über sich gebracht. Sie stand vor dem Spigel in ihrem Badezimmer und betrachtete ihr Gesicht. Ihre Haut war ganz orange geworden von dem Verzehr der vielen Süßkartoffeln. Leider hatte sie nur roten Lippenstift dabei, das sah echt scheiße aus. Grün oder grau wäre jetzt besser. Aber eitel war sie schon lange nicht mehr. Das spielte hier keine große Rolle. Seit sieben Wochen war ihre Periode überfällig. Da es aber keine Tampons gab, genauso wenig wie Binden, Papiertaschentücher und Toilettenpapier, fand sie das unter dem Hygiene Aspekt super, dass sie sich nicht mehr mit Stoffvorlagen während ihrer Blutungen herumschlagen musste. Aber schwanger in Biosphäre 2?  Heute war Marcs Geburtstag, da wollte sie hübsch aussehen, wenn sie ihm sagte, dass er Vater werden würde. Marc war nach acht Wochen ihr Freund gworden und war es immer noch. Sonst wäre sie wahrscheinlich schon verrückt geworden unter dieser riesgen Glaskuppel. Die größte Herausforderung neben dem Hunger war die Gruppe. Sie waren zu acht gut gelaunt und voller Abenteuerlust gestartet. Sie hatten sich in zwei Lager gespalten und wenn sie sich nicht zum Überleben gebraucht hätten, dann hätten sie sich wohl schon gegenseitig umgebracht.
Aber heute feierten sie Geburtstag. Von den Hühnern, die sie mitgenommen hatten, lebten noch drei, die unregelmäßig Eier legten. Sie hatte drei abgefangen, damit sie einen Kuchen backen konnte. Aus Süßkartoffelmehl. Sie dachte wieder an ihre Schwangerschaft. Ihr war immer ein bißchen übel und müde war sie auch ständig. Das konnte aber auch an dem abnehmenden Sauerstoffgehalt in der Luft liegen. Aber waren das die idealen Vorraussetzungen für eine Schwangerschaft?
Ohne Vorsorgeuntersuchungen und Ultraschall? Aber es gab so viele Frauen auf der Welt die unter viel schlechteren Bedingungen Kinder zur Welt brachten. Außerdem wäre das noch ein Experiment im Experiment. Sie war schließlich Wissenschaftlerin. Mal abwarten, was Marc dazu sagen würde. Ein Abbruch kam für sie nicht in Frage. Weder der Schwangerschaft noch des Experiments.
Marc war entzückt. Er begann sofort den Geburtstermin auszurechnen. Wenn alles nach Plan lief, würde das Kind auf die Welt kommen, wenn sie aus dem Glashaus ausziehen. Kurz davor oder kurz danach. Was würde man denn als Geburtsort angeben? Biosphäre 2 in Arizona? Cool. Der Name für das Kind stand auch schon fest: Orange oder Sweet Potato.

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