Tageblog 29. September 2016

29. September   Michaelistag

Für M.

 

Michael

Michael. Mein erster Freund hieß Michael. Mein Letzter auch. Alle meine Freunde hießen Michael. Ich muss aufpassen, wenn ich jemanden mit diesem Namen kennenlerne. Es könnte mein zukünftiger Partner sein.Im Kindergarten hieß meine allerbeste Freundin Michaela. In der Grundschule ging ich mit einem Jungen namens  Michael Kneip. Zum Glück gab es dann in der weiterführenden Schule niemandem mit dem Namen in meiner Klasse und auch nicht später in der Oberstufe. Für die Dauer meiner Fahrstunden allerdings hatte ich ein Verhältnis mit dem Fahrlehrer der Fahrschule Michael Mosberg. Im Motorclub meines Vaters gab es drei Michael. Von klein auf hat er mich dorthin mitgenommen. Anfangs bin ich im Beiwagen gefahren und später auch als Sozia an die Rücken der Fahrer geschmiegt. Hier ist es mir das erste Mal aufgefallen, dass ich mich immer zu Männern mit dem Namen Michael hingezogen fühle. Mir war es dann auch irgendwann zu viel, drei verschiedene Dates immer voreinander zu verheimlichen. Zum Glück ist einer weggezogen, die anderen beiden habe ich dann aus den Augen verloren, als ich wegen meines Studiums in eine anderen Stadt umziehen musste. Es versteht sich von selbst, dass ich nicht zum Michael Jackson Konzert nach München gefahren bin.Mittlerweile studiere ich im dritten Semester Geschichte und Geographie. Ich habe mich gestern in das Vorlesungsverzeichnis für das neue Semester vertieft und liebäugele mit einer Veranstaltung, die perfekt in meinen Stundenplan passen würde. Mit dem Seminar könnte ich auch meine Exkursionstage abdecken, es gehört noch 1 Woche Sizilien dazu. Aber die Sache hat einen Haken. Der Dozent heißt Michael.Ich bespreche das mit meiner Schwester Dorothea am Telefon. Sie kennt mich und mein Problem. Sie sagt alles was ich auch denke. Wenn dir noch Exkursionstage fehlen und es optimal in den Stundenplan passt. Dann mach’ das. Probier das aus. Wenn es nicht geht, kannst du es ja immer noch abbrechen. Sie sagt alles was ich hören will. Juchhu, ich schreibe mich ein. Aufgeregt betrete ich am Mittwoch in der ersten Semesterwoche den Seminarraum. Natürlich bin ich viel zu früh. Ich will auf gar keinen Fall den Augenblick verpassen, indem er herein kommt. Nach und nach trudeln die anderen Seminarteilnehmer ein. Kein Michael dabei, das spüre ich.Und dann kommt er. Der Dozent mit Namen Michael. Es ist noch viel schlimmer als ich es mir vorgestellt habe. Ich finde ihn umwerfend. Ich kann auf gar keinen Fall das Seminar weiter besuchen, geschweige denn mit auf Exkursion fahren. Mir gefällt alles an ihm. Er ist groß und schlank. Nicht mehr so viele, kurz geschnittene Haare, ein einnehmendes Lächeln, viele Lachfalten um die Augen. Wunderschöne schmale Hände. Wenn er mit der Kreide an die Tafel schreibt, könnte ich schreien, so schön sieht das aus. Aber am liebsten höre ich seine Stimme. Sie hat einen schönen Klang, sie ist männlich tief, ruhig. Er scheint Humor zu haben, es gibt immer wieder Situationen im Seminar in denen er schmunzelt. Oder auch mit uns lacht. Wie komme ich hier weg? Ich bleibe am Stuhl kleben, bis er den Raum verlassen hat, weil ich mich nicht in der Lage fühle, an ihm vorbei zu gehen. Jetzt schnell raus. Wohin? Ich glaube alle sehen mir an, dass ich getroffen bin. Von Amors Pfeil.  Erst mal auf die Toilette. Allein sein. Aufgehübscht, mit nachgezogenem Kajal und Lippenstift, gehe ich Richtung Haltestelle. Möglichst ohne Zwischenfall nach Hause kommen. Das ist mein Ziel. Was tun? Ein Jahr ins’s Ausland? Uni wechseln? Seminar beenden? Wäre doch zu schade. Ich gieße mir ein Glas Weißwein ein und schalte die Musikanlage an. Ich suche Dire Straits Love over Gold. Ich spiele den Titel Privat Investigation. Langsam werde ich ruhiger. Ich zünde mir eine Zigarette an, rauche trinke lausche der Musik. Dabei denke ich an das Seminar. Besser gesagt an dich. An deine Hände, deine Augen, deine Stimme. Ich lasse mich einlullen von der Musik und meinen Gefühlen und nehme dich mit. Ich stelle mir vor, dass du meine Brüste streichelst und an ihnen saugst, während ich sie mit den Fingerspitzen massiere. Deine wunderschöne Hand streichelt den Spalt zwischen meinen Beinen. Ich höre deine Stimme an meinem Ohr und spüre deine Küsse auf meiner Haut. Ich intensiviere meine Gedanken und lasse meinen Mund und meine Hände härter arbeiten, bis ich komme. Als die Anspannung nachlässt, weiß ich plötzlich was ich tun muss. Noch ein Glas Wein und eine Zigarette. Ich rufe bei Dorothea an. Nein, der übt gar keine Anziehung auf mich aus. Da kann ich getrost mit auf Exkursion. Du hattest Recht damit, es einfach mal auszuprobieren. Abbrechen kann man immer noch, wird aber nicht nötig sein. Danke für deine Tipps. Kaum habe ich aufgelegt, fummele ich schon wieder an mir rum. Die Gedanken an dich machen mich voll geil. Ich stelle mir vor, wie wir während der Exkursion im Hotelzimmer übereinander herfallen. Du leckst mich überall, im Nacken, an den Brüsten, den Innenseiten der Schenkel, an den Füßen. Mein Orgasmus wird noch heftiger als der erste, ich sacke auf dem Boden zusammen, lache laut und ziehe mir die Decke vom Sofa über den Körper. Bis zur nächsten Stunde müssen wir eine Anzahlung für die Exkursion geleistet haben. Ich robbe zu meinem Schreibtisch, nehme meinen Laptop und fülle die Überweisung aus. Ich habe mich entschieden.

 

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