Tageblog 24. Oktober 2016

24. Oktober   Tag der Bibliotheken (Deutschland)

 

Hmm. Was haben wir für ein Glück. Welche Mäusefamilie wohnt schon in einer Bibliothek! Unsere Familie bewohnt schon seit Jahrhunderten Bibliotheken. Das gibt wirklich besondere Leckerbissen, die da zur Auswahl stehen. Bei uns Mäusen ist das so, anders als bei den Menschen, dass wir die Bücher lesen indem wir sie auffressen. Wenn wir ein Buch komplett weggeknabbert haben, dann können wir die Geschichte wiedererzählen. Opa ist der Beste im Geschichten erzählen. Das sieht man ihm aber auch an. Der ist ganz schön dick. Ist aber auch sowas wie ’ne Ausszeichnung. Wer zu dünn ist, frisst, bzw. liest zu wenig. Wenn mich jemand fragt, sag ich, ich habe eine Stoffwechselstörung, weswegen ich nicht zunehme. Habe ich bei den Menschen aufgeschnappt. Die wollen ja alle dünn sein. In Wirklichkeit bin ich aber nur unheimlich langsam. Bis ich mich durch ein Buch durchgelesen habe, vergehen Monate. Und dann habe ich noch nicht mal alle Seiten komplett intus, manchmal fehlen eine paar Zeilen oder eine Ecke. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich das Ende der Geschichte nicht gefressen habe, und mir so die Pointe verborgen geblieben ist. Ich bin trotzdem ein guter Geschichtenerzähler, ich erfinde dann eben passende Sachen dazu. Die besten Geschichten sind aber nach wie vor die von Opa. Neulich hat er aus der Familienchronik etwas zum Besten gegeben. Und zwar soll es einmal in einer Klosterbibliothek in Italien zu einem wahren Unglück gekommen sein, weil die Mönche, die in der Bibliothek arbeiteten, auf mysteriöse Weise um’s Leben gekommen sind. Für die Mäusefamilie nicht weiter schlimm, aber wie sich später heraustellte, waren die Seiten eines Buches vergiftet. Davon hatte einer unserer Vorfahren genascht und war auch gestorben. Bis die Ursache klar war, hatten noch einige andere aus der Mäusefamilie von dem Buch gekostet und das Zeitliche gesegnet. Natürlich ist so die Geschichte nie in unseren Familienbesitz gelangt, nur die Umstände des Todes unserer Ahnen. Außerdem war das der Grund, warum sie aus Italien nach Deutschland umgesiedelt sind. Die wenigen Überlebenden haben sich davongemacht, bevor die Todesumstände geklärt waren. Sie sind dann erst mal in der Liberei in Braunschweig gelandet. Dort war es anfangs wohl auch sehr kommod, aber nach und nach kamen Bücher abhanden, weil es Privilegien gab, sich Bücher auszuleihen. Diese kamen dann aber selten wieder zurück, sodass der Bestand merklich zurückging. Um für unsere Sippe das Überleben zu sichern, beschloß das damalige Oberhaupt erneut einen Umzug in die neu gegründete Herzogliche Bibliothek in Weimar, die heute Herzogin Anna Amalia Bibliothek heißt. Und das war der Wahnsinn. Endlich Literatur und Kunst zum anbeißen. Aus dieser Zeit stammt noch die Vorliebe für so wunderbare Vornamen wie Johann Wolfgang, Johann Gottfried, Christoph Martin oder auch Anna Amalia. Die Weimarer Klassik ist die Spezialität meiner Familie. Leider hat es vor einigen Jahren dort einen Brand gegeben. Vor allem die Musikaliensammlung war betroffen, sodass die Familie wieder einen Umzug vornahm. Mittlerweile gab es nämlich neben der Vorliebe für Belletristik eine große Begeisterung für  Noten. Um dem gerecht zu werden und auch um mit der Zeit zu gehen, sind wir seit zehn Jahren in einer öffentlichen Stadtbibliothek untergekommen. Da ist so richtig was los. Fast jeden Tag sind da viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene unterwegs. Da ist man selten ungestört. Einmal ist doch tatsächlich nach einem Buch gegriffen worden, an dem ich am lesen war. Zum Glück konnte ich mich unbemerkt entfernen. Letzes Jahr wurde unsere Bibliothek „Bibliothek des Jahres“. Weil die so viele tolle Sachen anbieten. Da ist aber viel Unverdauliches dabei. Opas Science Fiction über eine Welt ohne Papier ist echt eine Gruselstory. Kann ich mir gar nicht vorstellen, aber in der Geschichte werden alle Bücher abfotografiert und das Papier verbrannt. Ich fresse jetzt auch schon manchmal Kabel, aber was soll ich davon erzählen? Eigentlich bin ich aber gerade in der Kinderabteilung unterwegs: Die kleine Raupe Nimmersatt. Die ist jetzt mein Vorbild. Vielleicht bin ich ja eine Fledermaus.

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