Tageblog 27. Oktober 2016

27. Oktober   Welttag des audiovisuellen Erbes

 

 

Karin sitzt in Jonas Penthouse vor dem Computerbildschirm und liest Nachrichten. So viel Scheiße passiert auf der Welt, aber bei ihr ist es gerade wunderschön. Die Nacht mit Jonas war wiederholungswürdig und -bedürftig. Endgeil sozusagen. Sie schaut auf die Uhr, noch 2 Stunden bis Jonas kommt. Sie zieht den Herrenbademantel fester um den Körper, macht ihre Zigarette aus und dreht sich mit dem Stuhl in den Raum. Nicht nur schöner ficken, auch Schöner Wohnen. Designermöbel, sehr geschmackvoll alles. Auch ein wenig unpersönlich, halt wie aus dem Prospekt. Ein riesiger ZwillingsFernseher. Die eine Mattscheibe steht dem italienischen Ledersofa gegenüber, der rückseitige Bildschirm zeigt Richtung Bett. Auch in der Küche gibt es einen kleinen Fernseher. Die Musikanlage im Wohnzimmer ist über eingebaute Boxen in den Wänden aller Räume zuzuschalten. Karin steht auf und geht zum Pool. Sie lässt den Bademantel fallen und springt in’s Wasser. Sie schwimmt ein paar Züge und lässt sich dann treiben. Auf dem Rücken liegend hält sie die Augen geschlossen und Nina Hagen singt in ihrem Kopf. Meerjungfrauengleich.

Sie will ein Fisch im Wasser sein
Im flaschengrünen, tiefen See
Sie will mit Wasser sich besaufen
Und paar Blasen blubbern lassen

Was sie dann will,
Das ist mit Neptun schweigen
Und in Ruhe tun, was sie sonst nie tut
Was sie sonst nicht kann und soll

Als sie die Augen öffnet, sieht sie sich auf dem Wasser liegen. Gut siehst du aus, denkt sie und lässt den Blick über ihren Körper an der Decke wandern. Dabei fallen ihr Satellitenähnliche Befestigungen auf, die aussehen wie Rauchmelder. Kann aber nicht sein, weil sie hier gestern Abend geraucht haben wie die Irren. Jonas hatte sogar eine Havanna am Start. Neugierig klettert sie aus dem Becken und guckt nach oben. Könnten auch Kameras sein. Sie guckt sich genauer in der Wohnung um und stellt fest, dass die eingebauten Boxen auch Objektive enthalten. Da kommt nicht nur was raus, da geht auch was rein. Von wo aus wird die Aufnahme gesteuert? Sitzt Jonas jetzt vielleicht an seinem Arbeitsplatz und schneidet einen Film aus der letzten Nacht? Ihr ist schlecht. Sie zieht sich schnell an und überlegt. Sind die Kameras jetzt an? Wird sie beobachtet? Ihr kommt eine Idee. Hatte sie nicht gerade in der Zeitung gelesen, heute ist der Welttag des audiovisuellen Erbes? Sie möchte nicht in die audiovisuelle Erbmasse eingehen und zertrümmert die Einrichtung. Die Fernseher auf Rollen landen im Pool. Der Computer mit all seinen Zubehörteilen ebenfalls. Auf die Boxen mit den integrierten Kameras schlägt sie mit der Bronzefigur ein. Als alle kaputt sind, steckt sie das Kunstwerk in ihre Tasche. Genauso wie die japanischen Messer und die DVD Metropolis von Fritz Lang. Als die Musikanlage im Wasser schwimmt, tut es ihr fast leid. Aber nur fast. Sie schlüpft in ihre Jacke und verschwindet. Heute Abend wird sie, dem Welttag des audiovisuellen Erbes angemessen, mit Lisa auf dem Sofa sitzend Metropolis schauen. Dabei werden sie ihre Beute betrachten und den nächsten Plan schmieden.

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