Tageblog 28. November 2016

28. November 1989 – Bundeskanzler Helmut Kohl stellt im Bundestag seinen Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Wiedervereinigung vor.
 Die zehn Punkte:

Punkt 1 Sofortmaßnahmen humanitärer Art
Familie und Freunde im Westen und im Osten besuchen, auch medizinische Hilfe möglich
Punkt 2 Umfassende Wirtschaftshilfe
Kaputte Straßen, Eisenbahn und Telefon muss ausgebaut werden
Punkt 3 Ausbau der Zusammenarbeit beider Staaten
Grundlegender Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems der DDR
Punkt 4 Vertragsgemeinschaft
Gemeinsamen Kommissionen und Institutionen
Punkt 5 Schaffung konföderativer Strukturen
Bundesstaatliche Ordnung in ganz Deutschland
Punkt 6 Einbettung des deutschen Einheitsprozesses
in die gesamteuropäische Entwicklung
Vereinigtes Deutschland ist ein zeichen für Vereinigtes Europa
Punkt 7 EG-Beitritt reformorientierter Ostblockstaaten
Ostblockstaaten sollen der Eu, dem Europarat und der Konvention zum Schutz der Menschenrechte beitreten
Punkt 8 Forcierung des KSZE-Prozesses
Die Mitgliedsstaaten sollen sich über Menschenrechte, wirtschaftliche Zusammenarbeit, kulturelles Erbe und Umweltfragen auseinandersetzten
Punkt 9 Abrüstung und Rüstungskontrolle
Die überwindung der Teilung Deutschlands und somit der Teilung Europas erfordern Schritte der Abrüstung und der Rüstungskontrolle
Punkt 10 Deutsche Einheit
Die Wiedererlangung der Politischen Einheit Deutschlands oberstes Ziel der Bundesrepublik Deutschland

Der Vorstoß in Richtung Wiedervereinigung von Bundeskanzler Helmut Kohl am 28. November 1989 kommt national wie international überraschend.

Zum offiziellen Feiertag ein paar Gedanken von Sibylle Berg

Deutsche Einheit: Ziemlich großartiges Land

Schon wieder 3. Oktober: Einheitsfreude. Und was feiern wir in diesem Jahr so? Vielleicht, dass alles wieder im Lot ist, schlägt Sibylle Berg vor.

Im Jahr 1989. Sich fremde Menschen in Deutschland umarmen einander zügellos. Das allein wäre Grund genug, einen nationalen Gedenktag einzuführen. Aber es geht weiter. Deutsche betrachten andere Deutsche, die sich unbekannterweise umarmen. Tränen. Gänsehaut. Vereinigung. Der Ostdeutsche ist kurzfristig glücklich und frei, der Westdeutsche emotional. Der Osten war den Bewohnern des Westens, falls nicht mit Ostdeutschen verwandt oder in der KP, meist weiter entfernt als Italien.

Drollige Geschichten wussten sie zu erzählen, von wertlosem Geld nach Zwangsumtausch, Bücherkäufen wegen Ratlosigkeit und irre schlechtem Sekt. Die DDR schien vielen Menschen in der BRD ein Disneyland in Schwarz-Weiß mit ständigem Schneefall. Dem Menschen der DDR wohnte ein großer Komplex dem coolen Westdeutschen gegenüber inne. Das Unwissen war beidseitig. Die Vorurteile dito.

 Seit 1990 feiern wir staatlich verordnete Rührung, und beim ersten Feiertag, ein Jahr nach dem Fall der Mauer, 28 Jahre nach der Teilung durch dieselbe, waren die Menschen noch entzückt. Da war es wieder, ihr schönes großes Deutschland. Über prächtige, teils romantisch kaputte Straßen von Rügen bis in den Schwarzwald befahrbar, endlich Urlaub an der Ostsee, als Westdeutscher. Und der ehemalige DDR-Bürger konnte Suhl und Harzgerode hinter sich lassen, um in Fulda ein Auto zu kaufen, hurra, endlich Autos. Der Taumel der Freude, das Interesse am Nachbarn, an Bruder und Schwester hielt so lange an, bis passierte, was Menschen immer passiert: der Hass, die Missgunst, die Scheu vor dem Fremden.

Schlag auf Schlag verödeten die tränenreich begonnenen Beziehungen. Der Solidaritätszuschlag, die Treuhand, die Neonazis, das Misstrauen wuchsen in dem Maße, wie sich offenkundig Ost und West vermischten. Ich erinnere mich gerne an den Gipfel der Vorurteile, ein Magazin beauftragte mich, ein Essay zu schreiben, These „Der Westen verostet“. Inklusive der steilen Vermutung, dass dem Westen das Geld fehle, das im Osten verbaut wird. Ich konnte die These nicht bekräftigen, der Artikel erschien nicht. Oft wollen Redaktionen nur das bestätigt sehen, was sie am Redaktionstisch beschlossen haben.

 Aber das ist ein anderes Thema. Im Osten wurde renoviert, im Westen herrschte Wohnraumnot, fast generationenweise wanderten Ostdeutsche wegen fehlender Arbeitsplätze in den Westen aus, und irgendwann wurde der 3. Oktober nur zu einem Tag mehr, an dem man nicht arbeiten musste, falls man Arbeit hatte. Die Ansprachen im Fernsehen lassen sich ebenso wegzappen, wie die Tonnen von Artikeln (leises Husten) sich überblättern lassen. Deutschland. Zusammenwachsen, geteilt, aber was war da geteilt worden? Ein Kaiserreich? Germanien?

Vielleicht war der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Teilen Deutschlands die Demokratie, die der eine Teil schon etwas länger üben konnte. Optisch gibt es kaum mehr klar definierbare Unterschiede. Im vereinten Land dieselben großen Modeketten und Schnellrestaurants, die Zeit, in der überhebliche Westdeutsche den gemeinen Ostdeutschen an schlechten Dauerwellen erkannte, ist auch vorbei. Alle zusammen sind wir jetzt Deutsche. „Aus den neuen Bundesländern“ sagt kaum noch einer unter Vierzig, und hassen tuen sich die Menschen auch nicht mehr. Die Hohlköpfe im Land vereinen sich im Hass auf Ausländer, auf Feministinnen, der Dummkopf findet sich in Ost und West auf der Suche nach Bedrohung, die jetzt endlich wieder von außen kommt. „Asylanten“, Muslime, Juden zu hassen verbietet sich öffentlich. Dann ist es eben der Israeli, den man nicht kennt, aber irgendwie legitim verurteilen kann. Alles wieder im Lot. Deutschland ist ein normales europäisches Land geworden, in dem man sich irrsinnig gerne in Gruppen aufhält, ein Land, in dem man Autoritäten immer noch zu gerne folgt und in dem man den Staat immer noch mit dem Monarchen verwechselt.

Eigentlich ein ziemlich großartiges Land, in dem der neue Feind der zu stark beschleunigte Kapitalismus sein könnte, in dem man die Erfahrung aus Ost und West zu einer wunderbaren neuen Form vereinigen könnte, aber vielleicht ist es dazu zu früh.

Jetzt haben wir wieder für vier Jahre eine schöne, die Reichen des Landes reicher machende Regierung, eine Absage an das Grundeinkommen und ein klares Ja zur Überwachung. Noch vier Jahre CDU/CSU, vier Jahre Tag der Wiedervereinigung; vier Jahre, in denen die Republik noch näher zusammenwachsen und Demokratie üben kann. Glückwunsch. Gehen Sie feiern, und mögen Sie ihr Land, egal ob links oder rechts auf der Landkarte. Die Menschen haben viel erreicht. Ein bisschen mehr geht immer noch.

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