Tageblog 30. April 2017

30. April Walpurgisnacht

 

Die große Liebe

„Los, noch ein paar Meter. Da vorne ist die Bushaltestelle. Bis dahin müssen wir das Ding noch schleppen und dann werden wir gefahren. Schaffst du das noch?“ Sarah blickt ihre Freundin besorgt an. Als sie Laura bat, ihr dabei zu helfen einen Maibaum für Lukas zu organisieren, hat sie ihr verschwiegen, dass sie die Aktion ohne Auto machen müssen. Laura nickt. „Aber keinen Meter weiter, soll ja dein Liebesbeweis sein und nicht meiner. Wieso überhaupt einen Baum vom Ende der Welt, in der Stadt gibt es doch auch Verkausstände wie für Weihnachtsbäume.“ „Ja, schon, die sind aber nicht so schön und viel teurer. Da hinten sehe ich schon den Bus. Wir haben es gleich geschafft.“
Der Bus hält. Der Fahrer öffnet die vordere Tür und blickt belustigt auf die beiden Frauen und den Baum. „Wegen Überfüllung geschlossen, würde ich sagen. Sie sind jetzt schon der zehnte Fahrgast plus Baum. Tut mir leid, sie passen nicht mehr rein, ich muss ja noch ein bißchen Platz für normale Fahrgäste freihalten. Nehmen sie sich ein Taxi oder warten sie auf den nächsten Bus, vielleicht haben sie da mehr Glück.“ „Nein, stop, das können Sie doch nicht machen!“ schreit Sarah, als die Tür zuschnappt und der Bus anfährt. „Und jetzt?“ Laura guckt auf ihr Handy. „Ich muss vor allen Dingen um sieben wieder in der Stadt sein. Während wir auf den nächsten Bus warten können wir doch trampen.“ „Wer soll uns denn mitnehmen? Mit einem Baum?“ „Hast du eine bessere Idee?“ Laura ist leicht genervt. „Können wir den Baum nicht hier lassen? Und du bastelst ein Herz, wie alle anderen Mädels auch?“ „Was, nein, den hab‘ ich doch bezahlt! Spinnst du?“ „Oder du?“ „Ja, aber ich kann doch die arme Birke hier nicht einfach zurücklassen. Das ist wie ein Kind aussetzten.“ „Jetzt übertreibst du aber. Wie kannst du so schnell Muttergefühle entwickeln zu einem Baum? Dann lass‘ uns an den Straßenrand stellen, der nächste Bus kommt eh erst in 2 Stunden.“
Tatsächlich hält auch das ein oder andere Auto an, aber als klar wird, dass auch die Birke mit muss, schütteln alle Autofahrer den Kopf. „Schneide doch ein paar Äste ab und mach‘ da draus eine Art Strauß. Mit den bunten Bändern, die da noch dran kommen, sieht das bestimmt auch cool aus. Nicht so groß, aber besser als nichts.“ Laura versucht ihre Freundin mit konstruktiven Vorschlägen aufzuheitern. „Oder ich mache ein Foto von dir wie du die Birke umarmst. Da schreibst du dann noch so eine Art Liebesbrief dazu und dann hat er auch was.“ „Ich weiß nicht, und ich habe bestimmt wieder den Mega Baum am Balkon. Wie peinlich.“ Sarah ist nicht überzeugt.
Mittlerweile ist noch ein Typ an die Haltestelle gekommen, ebenfalls mit einem Baum im Schlepptau. „Hi, willst du auch mit dem Bus in die Stadt?“ Sarah blickt zwischen dem jungen Mann und dem Baum hin und her. „Klar, ist doch hier ’ne Haltestelle, oder?“ Jonas guckt unbeeindruckt auf die beiden Frauen und deren Baum. „Ja, klar. Wir stehen hier auch schon länger, weil der letzte Bus uns nicht mitgenommen hat, weil da schon etliche Leute mit Bäumen drin waren. Wollten dich nur vorwarnen, dass es sein kann, dass du noch länger hier stehst.“ „Mhm, danke.“
Endlich kommt der Bus. Die Tür geht auf. Der Fahrer wirft einen Blick in den Fahrgastraum und wendet sich an die junge Leute draußen „Also, einen plus Baum kann ich noch mitnehmen. Zwei Bäume ist zu viel“ Gerade als Sarah ihren Fuß auf die unterste Stufe setzen will, schubst der junge Mann sie beiseite und steigt ein. „Wäre ja noch schöner, sich einfach vorzudrängeln. Ich warte hier schon viel länger.“ Mit diesen Worten verschwindet er im hinteren Teil des Busses. Das Protestgeheule von Laura und Sarah geht in den Anfahtsgeräuschen unter. „So ein Vollidiot. Was der sich rausnimmt. Boah, ich könnte platzen. Was jetzt? Ich habe gleich gar keine Lust mehr auf so nen blöden Maibrauch. Maibäume, Ppfff, du hast recht Laura, total überbewertet. Am liebsten würde ich meinen dem Typ auf den Kopf hauen.“ Sarah lässt sich frustriert auf die Bank im Wartehäuschen fallen. Da hält ein blauer Lieferwagen an. Der Fahrer kurbelt das Fenster auf der Beifahrerseite runter. „Hi, habt ihr den Bus verpasst? Ich fahre in die Stadt, wenn ihr wollt, kann ich euch mitnehmen.“ Laura und Sarah gucken sich an und nicken. „Das wäre super. Aber der Baum muss auch mit.“ „Klar, kein Problem.“ Er springt aus dem Auto und öffnet die hintere Tür. Dort liegen bis unters Dach Maibäume gestapelt. „Eurer passt hier auch noch rein“ sagt er und quetscht die Birke noch oben drauf. „Wo müsst ihr denn hin? Ich fahre zum Lenauplatz zum Maibaumverkaufsstand, die sind da fast alle. Mein Chef hat mich angerufen und Nachschub geordert. Ist das für euch okay?“
„Das ist perfekt. Besser geht es nicht. Was kosten denn die Bäume bei deinem Chef? Vielleicht kaufe ich den das nächste Mal auch lieber in der Stadt. Ist ja doch ein bißchen umständlich, mit dem Bus und so.“ Sarah blinzelt zu Laura „Und meine Freundin hat vielleicht auch nicht immer Zeit.“ „Klar, ich glaube die kosten 20€. Billiger ist es hier draußen auch nicht. Ist was für Nostalgiker. Wenn man sie selbst schlägt, ist es etwas anderes. Aber rausfahren, und dann noch mit dem Bus, damit man 3€ spart, das ist doch bekloppt. Das macht doch niemand. Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen, den Baum selbst zu schlagen? Ist die große Liebe, was?“

Tageblog 28. April 2017

28. April 1994 – Das Bundesverfassungsgericht entscheidet, dass der Erwerb und Besitz von Haschisch in geringen Mengen zum ausschließlichen Eigenverbrauch grundsätzlich straffrei sein soll.

 

Free me und you

„Was ist denn mit Oma los?“ Nick setzt sich an die Kaffeetafel. Neben frischem Erdbeerkuchen, Schwarzwälderkirschtorte und Käsesahne gibt es noch Muffins und Marmorkuchen. Er nimmt sich reichlich Kuchen auf seinen Teller und krönt das ganze noch mit einer extra Portion Schlagsahne. „Sie sitzt draußen auf der Bank und ist so blass um die Nase. Sie kicherte und meinte aber, ich könnte ruhig reingehen, sie käme gleich nach und …“
„Nick“ seine Mutter unterbricht ihn „hast du das Glas mit deinem Haschisch in der Küche stehen lassen? Oma hat heute mittag gekocht und in das Kartoffelpüree Muskatnuss gerieben. Sagt sie, dabei habe ich nur Muskatpulver. Vielleicht hat sie was von deinem Piece runtergerieben. Nur sie und die Zugehfrau haben etwas davon gegessen. Frau Müller ist vor zwei Stunden schon nach Hause gegangen, Oma redet seit einer Stunde ungefähr wirres Zeug. Außerdem ist sie furchtbar albern, sie hat versucht die Dekokirschen von der Torte abzumachen und damit den Kanarienvogel zu füttern. Ich glaube das wird nichts heute Abend mit dem Besuch in…“ Während seine Mutter weiter redet, ist Nick aufgestanden und raus zu seiner Oma gelaufen. „Gut, dass du kommst Junge, mir ist so warm.“ Hier, nimm‘ doch bitte die Jacke“ und während sie ihre Strickjacke und das Halstuch Nick in die Hand drückt, zieht sie sich noch den Pullover über den Kopf. „Hallo Herr Bernstein“ ruft die Oma auf die Straße und winkt. „Komm‘ Oma, lass‘ uns rein gehen. Wir feiern doch den Geburtstag von Mama, was willst du denn hier draußen.“ „Ja du hast recht, eigentlich könnte ich mich auch kurz mal hinlegen.“ Nick hakt sich bei seiner Oma ein, nimmt an der Bank noch die Schuhe und Strümpfe mit, die sie dort schon ausgezogen hat und geht mit ihr zurück in’s Haus. Als die Oma auf dem Sofa liegt, geht Nick in die Küche und sucht sein Glas mit dem Haschisch. Tatsächlich, das steht es zwischen dem schwarzen Pfeffer und den getrockneten Pilzen. Er nimmt es weg und geht zu seinem Bruder Jan in’s Zimmer. „Danke Jan, hat super funktioniert. Oma ist voll gut drauf und Mama will den Opernbesuch heute Abend abblasen.“ Er gibt seinem Bruder 20€. „Jetzt kann ich auf jeden Fall heute Abend das Fußballspiel gucken. Wetten, dass Juventus gewinnt? Um 20€?“

Tageblog 27. April 2017

27. April 1997 – In einer Feierstunde zum 60. Jahrestag der Bombardierung Guernicas in Nordspanien gesteht Deutschland seine Schuld bei der Zerstörung der Stadt offiziell ein.

bei einem Besuch auf der Art Cologne erlauscht:

Jaja schön, die Bilder mit viel Farbe und die ganzen Installationen,
hast du die Sachen bei Karsten Grewe gesehen?
Aber wenn das so weitergeht in der Weltpolitik
dann haben wir bald wieder ein Guernica in der Koje.

Tageblog 26. April 2017

26. April 2015 – Der FC Bayern München wird zum 25. Mal deutscher Fußball-Meister.

Das ist natürlich anderswo auf der Welt keine Nachricht wert.

26. April 2016 – dpa meldet: Ein schwules Geierpaar soll im Tierpark von Nordhorn ein Ei ausbrüten. Wie der Zoo mitteilte, haben die beiden Männchen namens Isis und Nordhorn das Ei von Geier-Weibchen Lisa unter ihre Fittiche genommen. „Lisa hatte keine Anstalten gemacht, ein Nest zu bauen.“ Das männliche Pärchen aber sehr wohl – daraufhin entschieden sich die Tierpark-Manager, den beiden Gänsegeier-Männern das Ei zu geben.

Isis, nach der ägyptischen Mythologie die Göttin der Geburt, der Wiedergeburt und der Magie. Nordhorn, der Name des Ortes an dem das Geierpaar lebt. Da muss Name doch Programm werden, die beiden müssen in Nordhorn magisch oder nicht zu einer Geburt verhelfen.
Dagegen Lisa, wer will es ihr verdenken? Der Name leitet sich über das griechische Elizabeth über die Bibel her  und bezieht sich auf Elisabet, die Mutter Johannes des Täufers. Weiß der Geier, ob Lisa die Bibel kennt, auf jeden Fall ist Elisabet nicht so ein wirkliches Vorbild für eine junge Geierfrau 2016. Die Geierwally schon eher.

Tageblog 25. April 2017

25. April 1974 – In einem Staatsstreich („Nelkenrevolution“) stürzen die oppositionellen Streitkräfte die von Antonio Salazar begründete Diktatur in Portugal.

 

 

Kopfsalat

Rosenkrieg am Veilchendienstag. Ich reiche Jasmintee, aber die Blütenköpfe liegen am Boden zerstreut. Ein blaues Veilchen am Gründonnerstag folgt. Ich trage eine Sonnenbrille bis zum Weißen Sonntag, dann verwandele ich mich in einen Maibaum. Die langen Bänder verfangen sich in den Sonnenstrahlen, ich nehme den Sonnenhut und wende mich dem Männertreu zu. Es erinnert mich zu sehr an das Veilchen, aber trotzdem rufe ich ihm „Vergissmeinnicht“ hinterher, als es mich weiterzieht. Der Goldregen bringt eine Abkühlung und ich nehme einen Schluck aus dem Muttergotteskelch, nachdem ich mich an den Gänseblümchen satt gegessen habe. Der Löwenzahn ist auch nicht zu verachten. Ich frage die Schlüsselblume nach dem Weg, sie schickt mich auf die Milchstraße. Ich soll für sie nach Sternanis Ausschau halten. Als Herbstzeitlose wiege ich mich entspannt im kühlen Wind und vertraue meine Samen der Erde an. Ich überwintere als Eisblume und halte, als die Schneeglöckchen verblüht sind, Ausschau nach dem Rosenmontag.