Tandem # Schmuckstück der Melusine

 

 

 

Schmuckstück der Melusine

[für Antje gefischt]

Meeresgrüne Perlen

in Metallgitter geknüpft

Seemannsgarn fürs Handgelenk

verfangen

ertrinken

prustend wieder auftauchen

nach dem Bad in der Krummen Lanke

löst du das Schilfrohr

aus der durchscheinenden Häkelstruktur

und schreibst

 

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ABGESCHOSSEN
Der innere Schweinehund frisst alles.
So flugs, noch ehe es vor
Die Sau gefallen.

 

Neuerscheinung

In der Alltags Kakophonie abheben soll sie
Die Edle
Bausteinweise
Diese Gestalt jene Netzhäute streifen
Streicheln umschmeicheln
Form und Strukturamazone im bitteren Reich der
Wahl und Bewustlosigkeit als
Perle für die Wesentliche
Die haushoch darüber blickt weil
Weder Panzer noch Ketten
Hemd geschützt durch Lässigkeit im Lockstoff
Gewebe der Kassandra
So sei umärmelt zeit und schwerelos mit Kraft
Beflügelt vom Dunkel und Lichten
In jeder Pore Deines Seins

Tageblog 1. Oktober 2019

1. Oktober 2018 – Der Internationale Gerichtshof in Den Haag weist Boliviens
Forderung nach einem eigenen Zugang zum Meer durch chilenisches Gebiet zurück und beendet damit einen über 100 Jahre währenden Grenzstreit zwischen den beiden südamerikanischen Ländern.

 

Grenzfall       

Ich lasse mir in der Bibliothek den Atlas vorlegen und schlage das Inhaltsverzeichnis auf. Diesmal suche ich Südamerika. Ich blättere auf Seite 92 und betrachte die Karte mit dem lateinamerikanischen Kontinent. Ich kann mich nur schwer entscheiden. Die Farben gefallen mir alle gut. Ich schwanke zwischen dem Lila Perus und dem Hellblau von Paraguay. Dazwischen liegt in rosa: Bolivien. Ich frage nach einem Blatt Papier und einem Bleistift und  ziehe die Landesgrenzen aller drei Länder nach. Die Farben denke ich mir dazu und trage alles innerhalb der Umrisslinien ein, was mir zu Farbe, Form und Name einfällt.
Peru. Lila, kalt, Berge, Azteken, Folklore, Wasser, blau, bunt, braune Menschen, schwarze Haare, Maya, dünne Luft.
Tina – ist das nicht prima
Was für ein Klima;
Haben wir hier schlechtes Klima
Fahren wir sofort nach Lima.
Paraguay. Hellblau, Uruguay, Fußball, Asunción, Roque Santa Cruz, para ara.
Bolivien. Rosa, in der Mitte La Paz eingeschlossen, oliv.
In der Tageszeitung entdecke ich Nachrichten aus den drei Ländern:
Schwangere Zehnjährige in Paraguay – in Paraguay soll ein Mann seine zehnjährige Stieftochter vergewaltigt haben. Eine Abtreibung wird ihr in dem streng konservativen Land aber verboten.
Bolivien will zurück ans Meer – seit 136 Jahren trauert Bolivien um seine Pazifikküste. 1879 verlor Bolivien im Krieg gegen Chile 120.000m2 Land und den Zugang zum Meer. Zum wiederholten Male geht Bolivien vor Gericht. Der Gerichtshof in Den Haag soll nun klären, ob Chile wieder Land abgeben muss.
Soldaten sollen Gewalt bei Minen-Protesten stoppen – die peruanische Regierung hat Soldaten in ein Tal an der Südküste des Landes geschickt, in dem Proteste gegen eine geplante Kupfermine in Gewalt umgeschlagen sind.
Bolivien ist mein Favorit. Rosa und keine beängstigende Schlagzeile. Das Land ist mit seiner Identität beschäftigt. Es versucht, ein Trauma zu verarbeiten. Vielleicht würde es ihm sogar gelingen, die alten Zustände wieder herzustellen und einen Zugang zum Meer zu erhalten. Eingehend betrachte ich die Landkarte. Ich fahre mit dem Finger die Grenze entlang. Dabei bleibt mein Finger nicht immer auf der Grenze, sondern rutscht ab und zu in das Landesinnere. Die rosa Farbe wird von meiner Haut aufgenommen. Erst ist es nur der rechte Zeigefinger, dann die anderen Finger, die Handfläche, der Arm. Sowohl mein Körper als auch meine Kleidung haben die Farbe von Bolivien angenommen. Ich versuche mit meinem Körper das Land abzubilden. Ich lege mich auf den Boden in der Form von Bolivien. Dabei spüre ich, wie gut es tun würde, wenn der Zugang zum Meer wieder gegeben wäre. Ich atme tief durch und schiebe mein Bein über die chilenische Grenze zum Pazifik.

 

Enttäuscht nehme ich mein Bein wieder zurück. Ich stehe auf und gehe duschen. Mit dem rosa Wasser im Abfluss entschwindet auch meine Hoffnung auf Meerblick in Bolivien.