Tageblog 12. Juni 2017

12. Juni   Tag des Tagebuchs

 

Miriam räumt den letzten Karton aus. Sie hat drei Stapel gemacht. Einen für Müll, einen für die Diakonie, auf dem dritten Stapel liegen die Sachen, die sie selbst behalten will. Ihre Mutter ist zum Glück immer ordentlich gewesen und hat sich nicht an Sachen gehängt. Den Haushalt aufzulösen war keine allzu große Herausforderung gewesen. Bis auf die Gefühle, die dabei hochkamen hat sie alles verstauen können.
Sie nimmt einen Stapel Küchenhandücher aus dem Karton und wirft ihn auf den Berg, den sie für die Diakonie anwachsen lässt. Die Handtücher fallen auseinander als sie von der wackeligen Spitze nach unten rutschen. Dabei legen sie ein Heft frei, dass in ihrer Mitte eingeschlagen war. Miriam erkennt die geschwungene, etwas nach rechts geneigte Handschrift ihrer Mutter. Tagebuch liest sie. Ihr Magen krampft sich zusammen. Sie nimmt das Heft in die Hand und riecht daran. Ganz schwach steigt der Geruch von Patchouli in ihre Nase. Das Parfüm ihrer Mutter das sie nie leiden konnte. Jetzt wird ihr leicht übel. Sie legt die fleischfarbene Kladde auf den Tisch. Sie betrachtet den Einband.  Über was ihre Mutter wohl Tagebuch geführt hat? Ist es das Einzige? Besonders dick ist es nicht. Vielleicht nur über einen bestimmten Zeitabschnitt oder ein bewegendes Ereignis? Hatte ihre Mutter einen Liebhaber? Was ging sie das an. Hätte ihre Mutter ihr nicht längst davon erzählt, wenn sie gewollt hätte? Vielleicht wusste sie ja auch Bescheid über das was drin stand. Sie würde mit ihrer Mutter auf jeden Fall nicht über das Gelesene sprechen können, sie lag nach einem Autounfall im Koma. Die Ärzte rechneten nicht mehr mit ihrem Erwachen. Sie musste jetzt mit ihrer Schwester endlich eine Entscheidung treffen. Miriams Handy vibriert. Mit einem Blick erkennt sie den Namen ihrer Schwester Viola. Miriam meldet sich „Hallo Vio. Was ich mache? Ich räume gerade den letzten Karton aus Mamas Haushalt aus. Gleich bin ich durch. Dann mache ich noch die Fahrt zur Müllkippe und dann können wir uns treffen. Halb acht ist gut. Dann kann ich vorher noch duschen. Du weißt ja, wenn man in den alten Sachen wühlt, dann riecht man immer so komisch. Ja ciao, bis später.“ Miriam drückt auf beenden. Vio war schon immer der Beschleuniger in ihrem Leben gewesen. Sie blickt auf ihre Armbanduhr. Sie wirft das Heft zurück in den Karton, die anderen Sachen aus Stapel eins obendrauf.
Sie stellt den Karton zu den anderen Sachen für die Müllkippe in den Kofferraum und fährt los.