Tageblog 6. Januar 2017

6. Januar  Afrikatag     wird in der katholischen Kirche seit 1891, von Papst Leo XIII. erstmals durchgeführt, begangen. An diesem Tag werden weltweit Spenden für Afrika, speziell für die Ausbildung von Priestern, Ordensleuten und Katecheten gesammelt.

6. Januar 2017  das Volk der Herero und der Nama reicht Klage vor einem US Gericht gegen die Bundesrepublik Deutschland ein, wegen finanzieller Entschädigung der Hinterbliebenen der Opfer des Genozid in Namibia zwischen 1904-1908

Okazeva, 3. März 1903

Lieber Vater und Liebste Mutter,

Ihr wißt, wie froh ich bin, dass ich den Beruf des Missionars ergreifen konnte und hier in Südwestafrika eine Missionsstation betreuen kann. Den Zwillingen geht es gut. Meine zweite Frau Elisabeth, die Ihr ja leider noch nicht kennenlernen konntet, hat sich wunderbar ihrer angenommen. Sie sorgt wie eine leibliche Mutter für sie und es mangelt ihnen an nichts. Elisabeth selbst ist hier aufgewachsen und kennt die Gegend wie ihre Westentasche. Sie beherrscht die Sprache der Herero und hilft mir bei allen Angelegenheiten bei denen es um sprachliche und kulturelle Übersetzung geht.
Meine anfängliche Vorstellung, die Ureinwohner seien wilde, kulturlose Wesen, denen die richtige Führung das Menschsein nach außen kehren würde, hat sich etwas relativiert. In der Tat gehen sie mit vielen Dingen anders um als wir, auch tragen sie für uns fremde Kleidung und die Frauen bedecken auch ihren Oberkörper nicht mit Stoff, sodass die Brüste immer dem fremden Blick ausgesetzt sind. Aber innerhalb ihres Stammes funktioniert ihr Leben gut. Obwohl sie gottlos scheinen, folgen sie doch einer eigenen Moral, die durchaus mit christlichen Werten vergleichbar ist. Ich habe begonnen mich mit ihnen anzufreunden. Der Chef der Herero ist ein Freund von mir. Wir führen viele philosophische Gespräche, die mich tief in die Gedankenwelt der schwarzen Afrikaner blicken lässt.
Die Kollekte, die immer am 6. Januar in der Gemeinde durchgeführt wird, kommt ja uns christlichen Vertretern in Afrika zugute. Mir bereitet es ehrlich gesagt ein ungutes Gefühl zu wissen, dass das Geld dazu verwendet wird, ein Volk zu unterjochen. Ich versuche, nicht über Umerziehung sondern über Einbeziehung den Herero unseren Glauben näher zu bringen. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht.
Ich hoffe, wir können uns bald sehen. Ich möchte Euch meine neue Frau vorstellen und den Großeltern endlich ihre Enkel zeigen. Vielleicht klappt es im Sommer.
Seid auf das Herzlischste gegrüßt,

Euer August

Okazeva, 2. Januar 1904

Liebe Eltern,

ich schreibe nur eine kurze Note, da die Umstände um mich herum mir keine Zeit lassen zu einem ausführlichen Brief. Leider ist es ja aus der Reise in die Heimat nichts geworden, da die Zwillinge erkrankt waren und Elisabeth mit den Anfangsschwierigkeiten einer Schwangerschaft zu tun hatte. Ja, Ihr werdet wieder Großeltern.
Die Situation hier wird aber immer unerträglicher. Die Herero werden so geknechtet von den deutschen Kolonialherren, dass ich befürchte es könnte einen Aufstand geben. Sie werden enteignet und brutal unterworfen. Die deutschen Siedler dürfen mit Wissen der Kolonialverwaltung Frauen und Mädchen vergewaltigen, Männern ihr Land und ihre Arbeit wegnehmen und sie in Sklavenähnlichen Verhältnissen halten. Ich schäme mich für mein Vaterland und kann nicht umhin mich den Forderungen der Einheimischen nach Selbstbestimmung und Freiheit anzuschließen. Die Kirche gibt mir in diesen Monaten wenig Trost. Wie denkt Ihr und Eure Freunde in Deutschland über die Vorgehensweise im fernen Afrika? Habt Ihr darüber überhaupt Kenntnis?

Mit hoffentlich bald besseren Nachrichten
grüßt Euch ganz herzlich,

Euer August

Okahandja, August 1904

Liebe Eltern,

leider keine besseren Nachrichten, vielmehr weitaus Schlimmeres kann ich berichten. Leider wieder nur kurz, weil die Situation vor Ort meine ganze Aufmerksamkeit rund um die Uhr verlangt.
Soviel sei zuerst gesagt: Elisabeth wurde am 2. Juni von einem prächtigen Mädchen entbunden. Sie bekam den Namen Margarete und ist ein wahrer Sonnenschein. Beim Anblick des Kindes fühle ich mich Gott sehr nahe, lasse ich den Blick in meine Umgebung schweifen, so kommen mir immer mehr Zweifel. Die beiden Jungs laufen natürlich schon überall herum und machen die Gegend unsicher. Zu ihrer Schwester verhalten sie sich sehr zuvorkommend und scheinen es nicht erwarten zu können bis sie als Spielkamerad in ihre Mitte tritt.
Elisabeth und ich waren mit Herbert und Werner mittendrin im Kriegsgetümmel, als, wie ich Euch ja voraus gesagt habe, ein Aufstand ausbrach. Aber als Seelsorger „meiner“ Herero, konnte ich sie in dieser düsteren Stunde nicht alleine lassen. Als die Lage aber zu dramatisch wurde, setzte sich ihr Anführer dafür ein, dass ich mit der Familie nach Okahandja gebracht wurde. Schweren Herzens lies ich meine Schutzbefohlenen zurück, aber natürlich hatte ich durch die Verantwortung für Elisabeth und die Kinder keine andere Wahl. So musste ich aus der Ferne miterleben, wie die Herero in die Wüste getrieben wurden und dort verdursteten, weil die deutschen Truppen die Rückwege abriegelten. Sind die Deutschen hier unten nur Deutsche oder auch Christen? Schließt das Eine das Andere aus? Ich will das nicht glauben und bleibe weiter hier, weil ich den Deutschen ihr Unrecht vorhalten will und den Einheimischen Kraft und Glauben geben will. Betet für mich und mit mir, dass es mir ein wenig gelingen werde.

Mit den besten Wünschen für Euch und Eure Gesundheit,

Euer August