Tageblog 30. November 2016

30. November   Tag der blauen Mütze

Aus dem Hut gezaubert

Jan kickt mit dem Fuß gegen den Zauberkasten. Ist echt total blöd. Diese kleinen Zaubertricks sind doch zu nichts nutze. Richtig zaubern müsste man können. Frustriert schaut er seinen Bruder Heiko an. Oma ist so traurig seit Cäsar tot ist. Wenn ich ihr doch einen neuen Hund zaubern könnte. Jetzt hör mal auf zu jammern. So ist das eben mit dem Leben. Wenn es vorbei ist, ist man tot. Aber höre mal, was ich heute morgen in der Zeitung gelesen habe: Südkoreanische Firma klont Haustiere. Wenn der geliebte Hund stirbt, kann man ihn einfach nachbestellen. Ein paar Hautzellen, entnommen spätestens vier Tage nach dem Tod, lassen den Vierbeiner wieder auferstehen. Waas ? Jan reißt die Zeitung an sich. Wo steht das? Er überfliegt den Artikel. 80.000 € kostet das. Die habe ich nicht. Heiko grinst. Du hast ja nicht mal 80 €. Also übe lieber noch ein bißchen mit deinem Zauberkasten oder frage deinen reichen Freund Alexander. Der weiß doch eh nichts mit dem vielen Geld anzufangen. Blödmann murmelt Jan und geht mit dem Koffer unter dem Arm in sein Zimmer. Jan ruft Alexander an. Wann können wir uns treffen?
Jan sieht auf sein Handy. Eine Stunde haben wir noch. Dann kommt Oma vom Friseur. Der tote Cäsar liegt auf dem Rasen. Betreten knien sie neben dem toten Hund. Oma hatte ihn in eine Decke eingewickelt und ihm als Grabbeigabe eine Dose von seinem Lieblingsfutter dazugelegt. Außerdem war sein Körper mit einem Strauß roter Rosen bedeckt. Sie schieben die Blumen am Kopf auseinander, um die Stelle hinter dem Ohr freizulegen. Schon komisch, so ein toter Körper. Ganz steif. Komm’ lass’ uns schnell machen. Ich finde es irgendwie unheimlich. Das aufgeschraubte Glas steht schon bereit. Mit dem Taschenmesser versucht Jan erste Herbststurm die Blätter zu Boden gebracht, sodass sie die Stelle mit Laub kaschieren können.
Wo soll das hingehen? Nach Südkorea? Habt ihr da Verwandte? Der Postbeamte legt das Päckchen auf die Waage. 16 € macht das dann. Er blickt die beiden forschend an. Nee, sagt Jan ich habe da einen Brieffreund. Der lernt Deutsch in der Schule. Der hat jetzt Geburtstag, da schenke ich ihm was. Deswegen muss das auch Express sein. Ich bin nämlich spät dran. Der Geburtstag ist übermorgen. Mhmm, RNL Bio ist auch ein interessanter Name. Ja, mein Freund macht Musik. Ist sein Künstlername RawNeonLightning. Bio steht für natürlich. Verstehen Sie? Neon und natürlich? Irgendwie vielleicht ein Widerspruch, nee echt cool die Musik. Mhmm, guckt mal dahinten auf dem Ständer bei den Vordrucken. Ihr müsst noch die Zollinhaltserklärung ausfüllen. C22 heißt der Vordruck. Die Unterschrift muss von einem Erwachsenen geleistet werden. Vielleicht müsst ihr noch mal nach Hause gehen und das von den Eltern unterschreiben lassen. Kostet auf jeden Fall 69.90 € mit Express.
Da seit ihr ja schon wieder der Postbeamte am Schalter grinst mhmm, Hundespielzeug schenkst du deinem Freund zum Geburtstag. Echt ausgefallen. Ja, er hat einen Hund.  Ich wollte etwas „Made in Germany“ schicken. Gibt wirklich tolles Hundespielzeug aus Deutschland. Alexander schiebt den 100 € Schein über die Theke, nimmt das Restgeld und sofort sind die beiden auf dem Weg nach draußen.
     Lieber Alexander, die Riesenkatastrophe. Meine Eltern wollen meiner Oma einen Hund
      aus dem Tierheim schenken. Aber bloß keinen Dackel! Sie meinen, dass würde Oma zu
      sehr an Cäsar erinnern, das wäre nicht gut. Nur ein Cäsar Klon wäre als Dackel 
      akzeptabel. Was soll ich jetzt machen? Den Auftrag canceln? Melde dich sobald du das
       liest. Ciao Jan
       Hey Jan, das ist echt blöd. Ich weiß auch nicht, ob ich wirklich soviel Geld locker
       machen kann. Vielleicht solltest du der Firma schreiben, dass du von deinem Vorhaben
       Abstand nimmst. Das geht bestimmt. Den Brief musst du in Englisch schreiben. Soll
        ich dir dabei helfen? Kann nach dem Abendessen noch mal rüberkommen. Erzähl’
        meinen Eltern ich müsste mit dir für die Mathearbeit lernen. Dann lassen die mich
        bestimmt noch mal weg. Meld’ dich, Alex
So spät noch lernen? die Mutter runzelt die Stirn das fällt euch ja früh ein. Aber nur eine Stunde. Dann geht’s ab in’s Bett. Jan und Alex trotten in Jans Zimmer. Erstmal präparieren sie den Raum mit dem Mathebuch und den Matheheften. Dann rufen sie die Seite mathe-trainer.de auf, um notfalls dahin klicken zu können.

   Dear All,
   maybe you have got the small packet with the tissue of the dog of my grandma
   fromGermany already. Unfortunately we don’t need a new dog anymore.

Was schreiben wir denn was sie damit machen sollen? Wegschmeißen? Schreib doch, sie können es vernichten oder weiterverwenden. Zu Forschungszwecken. Vielleicht gibt es dann wirklich mal einen Klon von Cäsar. Wär’ doch cool.

     You can throw the tissue away or keep it for purpose of the research.

Dann musst du dich noch für die eventuell entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldigen. Ist so’n Höflichkeitsding. Steht bestimmt im Wörterbuch.

     We apologize for any inconvenience
      Regards,

       Jan Schmidt   Alexander von Hohenstein

Senden.
Puh, geschafft. Ich bin echt froh. Danke Alex.

Das war doch ein schönes Geburtstagsfest. Ich glaube, Oma hat es auch gefallen. Dein Zaubertrick mit der blauen Mütze war richtig gut, Jan. Und der Hund scheint auch der Richtige zu sein. Augustus’ naja, aber ein gutes Zeichen, dass sie ihn direkt „getauft“ hat. Jetzt aber alle Mann in’s Bett. Morgen geht es wieder früh los.
Jan verschwindet in sein Zimmer. Als er den Rechner ausschalten will, sieht er, dass er eine Mail bekommen hat.

        Der Mr. Schmidt and Mr. von Hohenstein,
         Thank you very much for your tissue. We are very proud to have a tissue made in
         Germany. With your permission we will keep it in our labarotory. We will inform you,
         if there will ever be a dog „Made in Germany“. Thank you very much for your
         confidence.
         Yours sincerely

          Lee Byeong  Chun

Tageblog 29. November 2016

29. November       Tag des Resteessens

davidis-holle_1904-1

Davidis-Holle: Praktisches Kochbuch, Verlag von Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig 1904, (Luise Holle, Henriette Davidis, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11627955

 

Unwissend habe ich heute tatsächlich dem Gott des Resteessens gehuldigt. Und das direkt doppelt bzw. zweifach. Vorgestern gab es nämlich Nudeln. Viel zu viele für meinen Single Haushalt. Ich glaube beim Kochen träumte ich, ich wäre die gute Seele einer großen Familie und würde für alle einen riesigen Topf Pasta kochen. Dabei muss es dann passiert sein. Nudeln für die Großfamilie, aber nur Olivenöl mit Parmesan als Soße. Darum gestern Gulasch mit Nudeln und die Nachbarn zum essen eingeladen. Heute dann den Rest von Nudeln mit Gulasch gegessen. Außerdem habe ich mir auch den angeschnittenen Apfel einverleibt, mich der angebrochene Tüte Chips angenommen und den Rest Rotwein ausgetrunken! Reste sind doch etwas tolles. Nur noch übertroffen von einer vollen Tüte Chips und einer vollen Weinflasche.

Ich habe das dann auch bei meinen Katzen ausprobiert. Ihnen das stehengebliebene, angetrocknete Nassfutter 24 Stunden später anzubieten. Da war nix zu machen.

 

 

Tageblog 28. November 2016

28. November 1989 – Bundeskanzler Helmut Kohl stellt im Bundestag seinen Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Wiedervereinigung vor.
 Die zehn Punkte:

Punkt 1 Sofortmaßnahmen humanitärer Art
Familie und Freunde im Westen und im Osten besuchen, auch medizinische Hilfe möglich
Punkt 2 Umfassende Wirtschaftshilfe
Kaputte Straßen, Eisenbahn und Telefon muss ausgebaut werden
Punkt 3 Ausbau der Zusammenarbeit beider Staaten
Grundlegender Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems der DDR
Punkt 4 Vertragsgemeinschaft
Gemeinsamen Kommissionen und Institutionen
Punkt 5 Schaffung konföderativer Strukturen
Bundesstaatliche Ordnung in ganz Deutschland
Punkt 6 Einbettung des deutschen Einheitsprozesses
in die gesamteuropäische Entwicklung
Vereinigtes Deutschland ist ein zeichen für Vereinigtes Europa
Punkt 7 EG-Beitritt reformorientierter Ostblockstaaten
Ostblockstaaten sollen der Eu, dem Europarat und der Konvention zum Schutz der Menschenrechte beitreten
Punkt 8 Forcierung des KSZE-Prozesses
Die Mitgliedsstaaten sollen sich über Menschenrechte, wirtschaftliche Zusammenarbeit, kulturelles Erbe und Umweltfragen auseinandersetzten
Punkt 9 Abrüstung und Rüstungskontrolle
Die überwindung der Teilung Deutschlands und somit der Teilung Europas erfordern Schritte der Abrüstung und der Rüstungskontrolle
Punkt 10 Deutsche Einheit
Die Wiedererlangung der Politischen Einheit Deutschlands oberstes Ziel der Bundesrepublik Deutschland

Der Vorstoß in Richtung Wiedervereinigung von Bundeskanzler Helmut Kohl am 28. November 1989 kommt national wie international überraschend.

Zum offiziellen Feiertag ein paar Gedanken von Sibylle Berg

Deutsche Einheit: Ziemlich großartiges Land

Schon wieder 3. Oktober: Einheitsfreude. Und was feiern wir in diesem Jahr so? Vielleicht, dass alles wieder im Lot ist, schlägt Sibylle Berg vor.

Im Jahr 1989. Sich fremde Menschen in Deutschland umarmen einander zügellos. Das allein wäre Grund genug, einen nationalen Gedenktag einzuführen. Aber es geht weiter. Deutsche betrachten andere Deutsche, die sich unbekannterweise umarmen. Tränen. Gänsehaut. Vereinigung. Der Ostdeutsche ist kurzfristig glücklich und frei, der Westdeutsche emotional. Der Osten war den Bewohnern des Westens, falls nicht mit Ostdeutschen verwandt oder in der KP, meist weiter entfernt als Italien.

Drollige Geschichten wussten sie zu erzählen, von wertlosem Geld nach Zwangsumtausch, Bücherkäufen wegen Ratlosigkeit und irre schlechtem Sekt. Die DDR schien vielen Menschen in der BRD ein Disneyland in Schwarz-Weiß mit ständigem Schneefall. Dem Menschen der DDR wohnte ein großer Komplex dem coolen Westdeutschen gegenüber inne. Das Unwissen war beidseitig. Die Vorurteile dito.

 Seit 1990 feiern wir staatlich verordnete Rührung, und beim ersten Feiertag, ein Jahr nach dem Fall der Mauer, 28 Jahre nach der Teilung durch dieselbe, waren die Menschen noch entzückt. Da war es wieder, ihr schönes großes Deutschland. Über prächtige, teils romantisch kaputte Straßen von Rügen bis in den Schwarzwald befahrbar, endlich Urlaub an der Ostsee, als Westdeutscher. Und der ehemalige DDR-Bürger konnte Suhl und Harzgerode hinter sich lassen, um in Fulda ein Auto zu kaufen, hurra, endlich Autos. Der Taumel der Freude, das Interesse am Nachbarn, an Bruder und Schwester hielt so lange an, bis passierte, was Menschen immer passiert: der Hass, die Missgunst, die Scheu vor dem Fremden.

Schlag auf Schlag verödeten die tränenreich begonnenen Beziehungen. Der Solidaritätszuschlag, die Treuhand, die Neonazis, das Misstrauen wuchsen in dem Maße, wie sich offenkundig Ost und West vermischten. Ich erinnere mich gerne an den Gipfel der Vorurteile, ein Magazin beauftragte mich, ein Essay zu schreiben, These „Der Westen verostet“. Inklusive der steilen Vermutung, dass dem Westen das Geld fehle, das im Osten verbaut wird. Ich konnte die These nicht bekräftigen, der Artikel erschien nicht. Oft wollen Redaktionen nur das bestätigt sehen, was sie am Redaktionstisch beschlossen haben.

 Aber das ist ein anderes Thema. Im Osten wurde renoviert, im Westen herrschte Wohnraumnot, fast generationenweise wanderten Ostdeutsche wegen fehlender Arbeitsplätze in den Westen aus, und irgendwann wurde der 3. Oktober nur zu einem Tag mehr, an dem man nicht arbeiten musste, falls man Arbeit hatte. Die Ansprachen im Fernsehen lassen sich ebenso wegzappen, wie die Tonnen von Artikeln (leises Husten) sich überblättern lassen. Deutschland. Zusammenwachsen, geteilt, aber was war da geteilt worden? Ein Kaiserreich? Germanien?

Vielleicht war der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Teilen Deutschlands die Demokratie, die der eine Teil schon etwas länger üben konnte. Optisch gibt es kaum mehr klar definierbare Unterschiede. Im vereinten Land dieselben großen Modeketten und Schnellrestaurants, die Zeit, in der überhebliche Westdeutsche den gemeinen Ostdeutschen an schlechten Dauerwellen erkannte, ist auch vorbei. Alle zusammen sind wir jetzt Deutsche. „Aus den neuen Bundesländern“ sagt kaum noch einer unter Vierzig, und hassen tuen sich die Menschen auch nicht mehr. Die Hohlköpfe im Land vereinen sich im Hass auf Ausländer, auf Feministinnen, der Dummkopf findet sich in Ost und West auf der Suche nach Bedrohung, die jetzt endlich wieder von außen kommt. „Asylanten“, Muslime, Juden zu hassen verbietet sich öffentlich. Dann ist es eben der Israeli, den man nicht kennt, aber irgendwie legitim verurteilen kann. Alles wieder im Lot. Deutschland ist ein normales europäisches Land geworden, in dem man sich irrsinnig gerne in Gruppen aufhält, ein Land, in dem man Autoritäten immer noch zu gerne folgt und in dem man den Staat immer noch mit dem Monarchen verwechselt.

Eigentlich ein ziemlich großartiges Land, in dem der neue Feind der zu stark beschleunigte Kapitalismus sein könnte, in dem man die Erfahrung aus Ost und West zu einer wunderbaren neuen Form vereinigen könnte, aber vielleicht ist es dazu zu früh.

Jetzt haben wir wieder für vier Jahre eine schöne, die Reichen des Landes reicher machende Regierung, eine Absage an das Grundeinkommen und ein klares Ja zur Überwachung. Noch vier Jahre CDU/CSU, vier Jahre Tag der Wiedervereinigung; vier Jahre, in denen die Republik noch näher zusammenwachsen und Demokratie üben kann. Glückwunsch. Gehen Sie feiern, und mögen Sie ihr Land, egal ob links oder rechts auf der Landkarte. Die Menschen haben viel erreicht. Ein bisschen mehr geht immer noch.

Seitennavigation

 

 

Tageblog 27. November 2016

27. November 1942    Geburtstag Jimi Hendrix

 

Hey Joe

Hear my train a comin‘
Purple Haze
The wind cries Mary
Bold as Love
Machine Gun
All along the Watchtower

 

27. November 1961 – Die Chemie-Firma Grünenthal nimmt das Schlafmittel „Contergan“ vom Markt. Nach der Einnahme hatten Ende der 1950er Jahre tausende Mütter missgebildete Kinder zur Welt gebracht.

Die Hebamme blickt entsetzt zu ihrem Arzt. Wie sieht denn das Kind aus. Schnell wird es in Tücher eingeschlagen und dem Blick der Mutter entzogen. Als es untersucht und angekleidet ist, wird das Kind Marianne in den Arm gelegt. Betreten guckt die Hebamme am Bett vorbei, als Marianne anfängt zu weinen. Ein behindertes Kind! Eine Schande! Dabei hatte sie sich so auf den Sohn gefreut, nach den drei Mädchen. Aber warum? Die ersten drei Kinder waren doch auch gesund.
Zu Hause angekommen, stehen die drei Schwestern ganz gespannt an der Haustür. Endlich kommt Mama mit den Bruder nach Hause. Der Papa hat gesagt, er ist nicht ganz gesund, aber die Mädchen können sich darunter nichts vorstellen. Als Bruno endlich ausgepackt bei Mama auf dem Schoß sitzt, sehen sie was Papa meint. Bruno hat keine Arme. Die Finger sitzen direkt an dem Schultergelenk, und es sind auch nur vier Finger auf jeder Seite, zum Teil verkrümmt. Die Mädchen runzeln die Stirn. Das soll ihr Bruder sein? Petras beste Freundin Ute hat auch vor zwei Monaten einen Bruder bekommen. An dem ist aber alles normal. Petra dreht sich um und läuft aus dem Zimmer. Sabine und Ruth stehen immer noch neben dem Wohnzimmerschrank. Wollt ihr nicht mal näher kommen? fragt Marianne Bruno ist sonst ganz normal. Die Mädchen kommen zögernd näher. Mama warum sieht er denn so komisch aus? fragt Sabine. Jetzt passen ja die ganzen Oberteile gar nicht. Da müssen wir die Ärmel abschneiden. Ja, du hast recht. An der Garderobe müssen wir etwas ändern. Da könnt ihr mir helfen. Bruno ist ganz still und hat die Augen ein wenig geöffnet. Meinst du er versteht was wir sagen? fragt Ruth Nein, ich glaube nicht, dass er uns versteht. Aber er spürt, ob wir in freundlicher Absicht sprechen, oder von bösen Gedanken geleitet sind. Darum würde ich vorschlagen, wir versuchen es mit freundlich. Wie immer.  Mama, gehst du etwa mit dem Krüppel spazieren? Petra sieht, wie ihre Mutter den Bruder in den Kinderwagen legt. Hoffentlich begegnest du niemandem. Das ist ja peinlich. Sabine und Ruth haben auch ihr Jacken angezogen und gehen hinter der Mutter her. Marianne wischt sich die Tränen aus den Augen und schiebt den Wagen auf den Gehweg. Das hat sie im Krankenhaus selbst gedacht. Dass sie Angst hat vor dem Ausfahren im Kinderwagen, die Blicke der Leute, Fragen, keine Antworten. Zum Glück sind Ruth und Sabine dabei, die lenken sie ab. Ruth dreht sich um und schreit ihrer Schwester zu Du hast ein verkrüppeltes Herz. Hoffentlich begegnet dir niemand.
Ruth,
tadelt sie die Mutter, zu Petra müssen wir auch nett sein. Sie hat es anscheinend besonders getroffen. Irgendwann geht sie bestimmt auch mal mit spazieren. Wir müssen ihr noch etwas Zeit geben. Ich bin froh, dass du und Sabine es leichter nehmt. Die beiden haben einer ihrer Puppen die Arme abgemacht und spielen jetzt immer Vater, Mutter, Kind mit dem Baby Bruno ohne Arme. Die Ärmel an den Oberteilen für Baby Bruno sind hochgerafft und mit Sicherheitsnadeln festgesteckt, damit andere Puppen die Sachen auch noch tragen können. Da kann Marianne sich bestimmt noch etwas abgucken.

 

Tageblog 26. November 2016

26. November  Tag der Zeitschriften

 

zeitschrift

Hör zu schreit das Bild der Frau in Haper’s Bazaar.
Pardon, Madame, wie kommt es, dass Auto, Motor und Sport Sie so sehr interessieren? Ich dachte, eher die christliche Kunst oder Reader’s Digest wären etwas für die Frau im Spiegel. Heiraten Sie niemals einen Film&TV Kameramann. In der Regel können die weder den Hustler noch den Quickstep tanzen, geschweige denn sie besitzen eine Yacht.
Der Wachturm verkündet Jehovas Reich ist ein Kicker. Aber die Psychologie heute sagt konkret die Zeit ist reif für schöner wohnen. Vielleicht im Athenäum, im Penthouse oder in der Gartenlaube. Da gab es allerdings einen Brand. Eins wissen nur die Eltern. Ob Emma und Petra erwachet sind, oder ob sie essen&trinken. Magnum Eis oder eine Bäckerblume.
Micky Mouse faltet aus dem P.M. Magazin die Titanic. Der TV Spielfilm diese Woche zeichnet ein Bild der Wissenschaft mit Tempo. Die Mädchen fahren mit dem Coupé zur neuen Post. Dort machen sie den Öko-Test und reden mit Brigitte, wie es ihre Art ist, über Ästhetik&Kommunikation. Im Cinema läuft die neue Revue und Bella triste hört nicht den Gong. Elle stopft sich mit Pralinen voll und träumt von einem Maxi Playboy. Ihre Freundin schenkt ihr das Sport Bild der Woche aus der Apotheken Umschau. Die Funk Uhr piept, die Gala steht auf einem Goldenen Blatt. Bravo, ruft Spex, der Spiegel ist für Sie.  Was machen Sie in ihrer Freizeit? Revue tanzen und die bunte ADAC Motorwelt als Mosaik zusammensetzen. Ich fahre auch gern im Musikexpress mit dem Rolling Stone als Kursbuch zu dem cosmopolitan Stern. Superillu hat  immer den letzten Schliff von text+kritik im Focus. Ganz mad machen mich die Kunststoffe. Denn noch mehr en vogue als Geo Merian ist National Geographic Deutschland.

Tageblog 25. November 2016

25. November 1963  

Beerdigung von J. F. Kennedy, dem ermordeten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika

Beerdigung von Lee Harvey Oswald, dem mutmaßlichen Mörder von J.F. Kennedy

 

Blumen für einen Mörder

Nancy, du musst noch etwas für mich erledigen. Jackie hält ihre Assistentin am Arm fest und blickt ihr in die Augen. Ich möchte Blumen zur Beerdigung von Lee Harvey Oswald schicken. Wahrscheinlich sieht das für manche Menschen komisch aus. Blumen für den Mörder meines Mannes! Nancy nickt Ja, es sieht komisch aus. Überrascht ist sie allerdings nicht. Sie kennt ihre Arbeitgeberin schon eine geraume Zeit lang und weiß um ihre unkonventionelle Art. Jack ist tot, aber wer dafür verantwortlich ist, wird noch herauszufinden sein. Ich glaube, selbst wenn es Oswald war, nicht an einen Einzeltäter. Er ist auch ein Opfer. Er tut mir leid. Da beide am gleichen Tag beerdigt werden, sehe ich darin ein Zeichen. Von Gott. Mit dem ich noch ein Hühnchen zu rupfen habe. Es fällt mir gerade schwer an ihn zu glauben. Die Doppelbeerdigung ist ein Zeichen. Von ihm. An mich. Ich antworte darauf. Ich hatte an weiße Lilien gedacht. Natürlich darf kein Hinweis auf den Auftraggeber darauf zu finden sein. Sie machen das schon. 
Jackie steckt sich eine Zigarette an und geht mit ihrem Glas Wodka in das Ankleidezimmer der Kinder, um die Garderobe für die Beerdigung auszusuchen.

 

 

 

 

Tageblog 24. November 2016

24. November 1916  in Berlin wird die „Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft“ Mitropa gegründet 

24. November 1941  die SS beginnt mit der Errichtung eines Konzentrazionslagers in Theresienstadt

 

Wir müssen leider draußen bleiben

Schmeckt ausgezeichnet. Schade, dass die Rosenbergs nicht mitkommen können. Wir können Ihnen ja vielleicht etwas mit in das Abteil nehmen.
Aber nur wenn etwas übrig bleibt. Ich muss meine Portion aufessen. Ich habe schon lange nicht mehr so gut gespeist.
Ich bin doch froh, dass du mich zu dieser Reise überredet hast. Es ist so lange her, dass ich in Warschau gewesen bin. Aber als Milli mir geschrieben hat, dass sie aus ihrem Haus ausziehen muss, weil da jetzt ein Ghetto für die Juden errichtet wird, wollte ich doch mit eigenen Augen diesen Wahnsinn sehen. Unmöglich. Zwangsumgesiedelt. Dabei hatte sie so eine schöne Wohnung.  Aber sie hat mir geschrieben, dass sie mit ihrem neuen Domizil auch sehr zufrieden ist. Um das Ghetto errichten sie zum Glück eine Mauer, sodass man nicht immer drauf gucken muss.
Wie viel Uhr haben wir denn? Wir sollten in’s Abteil zurückgehen. Ich möchte mich gerne noch etwas ausruhen, bevor wir in Warschau ankommen. Mitropa kann man wirklich empfehlen.

Guck mal, Mitropa führt hier in Warschau auch die Bahnhofsgaststätte. Wunderbar. Da können wir am Rückreisetag mit den Rosenbergs noch einkehren, bevor wir in den Zug einsteigen, was meinst du?
Nein, guck mal das Schild JUDEN UNERWÜNSCHT. Wir werden wohl wieder alleine essen müssen.